Rolle rückwärts

Pexels Suzy Hazelwood

Wir waren schon mal weiter! Das 19. Jahrhundert mit Handlungsempfehlungen wie „Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder, und herrschet weise im häuslichen Kreise*“, schien eigentlich überwunden. Schließlich kämpfen Frauen bereits seit mehr als 150 Jahren um Gleichberechtigung. Und auch wenn der Weg ein steiniger, oft sogar blutiger war, wurde doch viel erreicht. Zumindest auf den ersten Blick: Wir dürfen wählen, studieren, haben freie Berufswahl und können selbst über unseren Körper bestimmen. Diese viel zitierten Meilensteine – an sich ja Selbstverständlichkeiten – sind aber leider nur Etappensiege. Sie können nicht darüber hinwegtrösten, dass es noch viel zu viele Baustellen gibt. Geringeres Einkommen, gläserne Decke, unbezahlte Care-Arbeit und Altersarmut betreffen fast immer noch ausschließlich Frauen.

Denn obwohl in Österreich die Gleichstellung von Frauen und Männern seit Langem gesetzlich verankert ist, sind es die Rahmenbedingungen und hartnäckigen Rollenbilder, die einer tatsächlichen Chancengleichheit im Weg stehen. Hinsichtlich echter Geschlechterparität gibt es noch großen Aufholbedarf. Das Weltwirtschaftsforum hat beispielsweise erst kürzlich berechnet, dass es bis zur vollständigen Gleichstellung von Frauen und Männern noch über 130 Jahre dauern wird.

Wider die Verpuppung

Der Kampf muss also weitergehen. Während viele Frauen unverdrossen die immergleichen Forderungen stellen (müssen), sehen andere da weniger Handlungsbedarf. In den sozialen Medien gibt es seit einiger Zeit den unseligen Trend der „Tradwives“. Der Begriff steht für ein traditionelles Frauenbild, das sich ausschließlich über Ehe, Mutterschaft und Haushalt definiert. Seinen Ursprung hat das äußerst irritierende Phänomen in den USA. Dort propagieren reaktionäre Influencerinnen wie Alexia Delarosa oder Estee Williams auf ihren Social-Media-Kanälen ein Leben, das sich nach erzkonservativen Wertvorstellungen richtet. Sie bleiben daheim, erledigen die Hausarbeit, kümmern sich um die Kinder und machen sich hübsch (um zu gefallen), während ihre Männer das Geld verdienen. Solcherart radikal antifeministischen Töne sind an sich schon schlimm genug. Noch erschreckender ist aber die Reichweite, die damit generiert wird. Sowohl Williams als auch Delarosa haben zig-tausende Follower.

Vor dem Hintergrund eines aktuellen UN-Berichts, nach dem weltweit dramatische Rückschritte bei den Frauenrechten verzeichnet werden, wirkt das rückschrittliche Lebensmodell der Tradwives bestenfalls zynisch, tatsächlich ist es extrem besorgniserregend. Denn was scheinbar harmlos als launiges Backvideo oder Schmink-Tipp daherkommt, ist tatsächlich brandgefährlich: Was droht sind unzählige, vernebelte Kleinfamilienhirnen, die sämtliche Errungenschaften des feministischen Kampfes wieder zunichtemachen könnten. Also, liebe Frauen, stimmt nicht in diesen Retro-Chor ein, macht euch nicht zu Sklavinnen des Patriarchats, bleibt wachsam!

*Friedrich Schiller, Das Lied der Glocke