Vermessung der Frauen

Heinz, Otto, Käthe und Franz Leichter, 1934 © Leichter Family Archive

Käthe Leichter ist eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung der Ersten Republik, „die intellektuelle Kraft der sozialistischen Frauenbewegung“. Als erste Leiterin des Frauenreferats der Wiener Arbeiterkammer führt sie detaillierte Studien zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen berufstätiger Frauen durch und avanciert zu einer Pionierin der Sozialforschung. 2025 feiert das Frauenreferat der Arbeiterkammer sein 100-jähriges Bestehen, der Geburtstag seiner ersten Leiterin, Käthe Leichter, jährt sich zum 130. Mal.

Käthe Leichters damals erhobene Forderung hat bis heute nichts an Aktualität verloren: „Gleicher Lohn für gleiche Leistung!“ Käthe weiß, dass sie mit ihren Erhebungen für die Arbeiterkammer die Funktionärinnen im Parlament und in den Gewerkschaften mit validem Zahlenmaterial für ihren Kampf um eine Besserstellung der Frauen aufmunitionieren muss. Gilt es doch, „Verschlechterungen abzuwehren und dabei doch da und dort kleine Verbesserungen durchzusetzen“. Rasch ist klar, dass das Frauenreferat selbst Erhebungen durchführen muss, um an brauchbare Daten zu gelangen. (Bild ganz oben: Heinz, Otto, Käthe und Franz Leichter, 1934 © Leichter Family Archive)

KätheLeichter Portrait Leichter Family Archive

Käthe Leichter © Leichter Family Archive

Käthe Leichter untersucht zunächst die Lebens- und Arbeitsbedingungen der „Stiefkinder der sozialen Gesetzgebung“ – der Hausgehilfinnen und Heimarbeiterinnen. Auch ihre Studie „So leben wir … 1320 Industriearbeiterinnen berichten über ihr Leben“, in der sie „Berufsarbeit, Haushaltungsführung und Mutterschaft“ erfasst, gilt bis heute als unverzichtbare historische Quelle zum Thema Frauenarbeit.

An ihrem fast 700 Seiten starken „Handbuch der Frauenarbeit“ wirken über 60 Autorinnen mit – Intellektuelle, Beamtinnen und Ärztinnen, aber auch 27 Arbeiterinnen aus den unterschiedlichsten Berufszweigen, von der Metall- und Tabakarbeiterin bis zur Textil- und Landarbeiterin, von der Handels- und Bankangestellten bis zur Lehrerin und Krankenpflegerin. Die Studie wird schließlich „eine Enzyklopädie, ein Markstein in der österreichischen sozialpolitischen Literatur der Ersten Republik“, so Otto Leichter 1964.

Bald zählt Käthe Leichter zu den engsten Mitarbeiterinnen Anna Boscheks, der ersten Gewerkschafterin im Parlament. Käthe findet in Boschek eine erfahrene Beraterin, umgekehrt unterstützt sie die Abgeordnete bei Gesetzes- und Initiativanträgen. Diese intensive Zusammenarbeit bestimmt maßgeblich die Frauenpolitik der Ersten Republik.

Wissenshunger und Selbstermächtigung, Freundschaft und Liebe, Loyalität und Verrat, Mord und Vertreibung, Mythisierung und Versöhnung – all diese Elemente einer antiken Tragödie finden sich im Leben Käthe Leichters und ihrer Familie. Geboren wird Käthe am 20. August 1895 als Marianne Katharina Pick in eine gutsituierte jüdische Familie in Wien. Grundlage des Wohlstandes der ganzen Familie lag in der böhmischen Textilindustrie. Käthe ist von ihrem Vater Josef Pick und dessen umfassender humanistischer Bildung geprägt. Die andere Hälfte der Familie bilden ihre Mutter Charlotte und die Schwester Vally. Fremden gegenüber pflegt die Mutter ihre Töchter vorzustellen: „Vally ist die Schönere und Käthe die Gescheitere.“

1914 inskribiert Käthe Staatswissenschaften an der Universität Wien, ihre Abschlussprüfung – Doktorvater ist Max Weber – wird sie 1918 in Heidelberg ablegen. Neben ihrem Studium kümmert sich Käthe um verwahrloste Kinder des Döblinger Bezirksteils „Krim“ und entwickelt bald Verständnis für die fremde Welt ihrer „Wildlinge“: „Sie waren ewig hungrig – und konnten trotz ihres Hungers das tägliche Dörrgemüse und Maisbrot nicht mehr herunterschlucken.“

Käthe Leichter Ausweis IHSF

Käthe Leichter Ausweis IHSF

Ab dem Frühjahr 1919 arbeitet Käthe im Finanzministerium und als wissenschaftliche Mitarbeiterin Otto Bauers in der Staatskommission für Sozialisierung. Deren Bemühungen scheitern schließlich am Widerstand der Christlichsozialen. Immerhin kann 1919 das Gesetz zur Errichtung von Betriebsräten umgesetzt werden. Es trägt auch Käthes Handschrift. Obwohl Bauer der Überzeugung ist, dass Käthe „einer der gescheitesten Menschen in der Partei“ ist, wird sie es nie in „die erste Reihe“ schaffen, weder für den Nationalrat noch für den Wiener Gemeinderat kandidieren. 1921 heiratet Käthe Pick den Juristen und Journalisten Otto Leichter, den sie in der Jugendbewegung kennengelernt hat. 1924 kommt der erste Sohn Heinz zur Welt, 1930 der zweite, Franz.

Aus und vorbei

Nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 verlieren Käthe und Otto Leichter ihre Arbeit. Käthe wird in der Arbeiterkammer gekündigt, die Arbeiter-Zeitung verboten. Das Ehepaar taucht ab und engagiert sich beim Aufbau einer Untergrundpartei, bevor es mit den beiden Söhnen für ein halbes Jahr in die sichere Schweiz geht. Im Herbst kehrt die Familie zurück, ihr Haus in Mauer wird zum Treffpunkt illegaler Funktionäre. Käthe Leichter verfasst Agitationsschriften gegen den Faschismus und übernimmt die Leitung des Nachrichtendienstes der Revolutionären Sozialisten.

Der Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich im März 1938 verändert die Lage schlagartig. Otto Leichter, der aufgrund seiner politischen Tätigkeit exponierter ist, flieht über die Tschechoslowakei nach Paris. Von dort aus holt er später die Söhne Heinz und Franz nach. Und er drängt seine Frau, sie solle doch alles stehen und liegen lassen. Käthe hingegen möchte legal ausreisen, verpackt Bücher, Möbel und selbst das Klavier, um sie nach Paris bringen zu lassen. Ihre eigene Lage schätzt sie dabei völlig falsch ein.

Am 30. Mai 1938 wird Käthe Leichter verhaftet und verbringt mehrere Monate in Einzelhaft im Wiener Landesgericht. Hier schreibt sie „mit rücksichtsloser Aufrichtigkeit“ ihre Kindheitserinnerungen nieder. Nach ihrer Verurteilung wegen „Kassiberschmuggels“ und der verbüßten Strafe kommt sie dennoch nicht frei. Sie wird an die Gestapo überstellt und im Januar 1940 in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo sie schwere Straßenarbeiten verrichten muss. Im März erhält Käthe die Nachricht, dass ihr Doktorgrad auf Bescheid des Rektors der Universität Heidelberg aberkannt wird. Und sie trifft in Ravensbrück auf alte Bekannte: die Funktionärinnen Rosa Jochmann und Helene Potetz. Beide sind, wie auch Käthe Leichter, von einem vermeintlichen Freund, dem Gestapo-Spitzel Hans Pav, verraten worden.

Von Paris nach New York

In Paris bemüht sich Otto Leichter, seinen Söhnen – mittlerweile Henri und François – ein geregeltes Leben zu ermöglichen. Und er setzt alle Hebel in Bewegung, um Visa, Arbeitsangebote, Geld zu organisieren und Käthe freizubekommen, Letzteres vergebens. Als die deutsche Wehrmacht 1940 Paris besetzt, fliehen Otto, Heinz und Franz über Spanien nach Portugal. In Lissabon ergattert Otto drei Plätze auf einem Schiff nach Amerika. Im März 1942 wird Käthe Leichter gemeinsam mit rund 1.600 Frauen von Ravensbrück in die Heil- und Pflegeanstalt Bernburg an der Saale verbracht und im Rahmen der Massenvernichtungsaktion „Sonderbehandlung 14 f 13“ ermordet.  Als Todesdatum wird der Familie der 17. März 1942 genannt.

Die Nachricht von Käthes Tod erreicht „ihre drei Buben“ zwei Monate später – „ausgerechnet a1. Mai!“, so Heinz, der 1944 als amerikanischer Soldat Henry O. Leichter nach Wien zurückkehren wird. Verwandte trifft er keine mehr an, dafür Rosa Jochmann. „Von ihr hörte ich zum ersten Mal, wie meine Mutter wirklich gestorben war.“

Wie vielen Exilanten seiner Generation gelingt es Otto Leichter nicht, nach dem Krieg wieder in der Partei Fuß zu fassen. Für den Rest seines Lebens bleibt er „mit Herz und Seele“ Journalist. Heinz, nun Henry O., und Franz Leichter werden – so wie Großvater Pick – Rechtsanwälte. Franz kämpft als demokratischer Abgeordneter und später als langjähriger Senator des Bundesstaates New York für die Ideale seiner Eltern. 2013 erreicht er die Wiederherstellung der Doktorwürde Käthe Leichters.

Jeden Sonntag führt das Waschsalon-Team durch den Karl-Marx-Hof. Darüber hinaus sind Touren in weiteren Gemeindebauten, sowie Themenführungen und Stadtspaziergänge im Programm. Das gesamte Angebot gibt es hier.