Menschen mit psychischen Erkrankungen erleben nach wie vor täglich Ausgrenzung, Stigmatisierung und Diskriminierung. In jüngster Zeit häufen sich zudem die Fälle, in denen unbefristet zuerkannte Berufsunfähigkeitspensionen plötzlich wieder aberkannt werden. Für Betroffene bedeutet das nicht selten den Verlust ihrer Existenzsicherung.
„Wir erhalten täglich Hilferufe von Betroffenen, die durch die Aberkennung der unbefristeten Berufsunfähigkeitspension in tiefe Krisen geraten. Menschen mit psychischer Erkrankung kämpfen häufig mit pathologischer Angst. Der drohende Verlust ihrer Existenzsicherung verschlechtert oft den Gesundheitszustand dramatisch – bis hin zu Suizidgedanken“, beschreibt Brigitte Heller, Vorsitzende des Vereins Lichterkette, einer Interessensvertretung für Menschen mit psychischer Erkrankung.
„Psychische Erkrankungen führen häufig zu längerer Arbeitsunfähigkeit – nicht selten weit über ein Jahr. Wenn dann das Krankengeld ausgeschöpft ist, kommt es zur Aussteuerung und damit endet die Entgeltfortzahlung durch die Gesundheitskasse. Betroffene können dann um eine Berufsunfähigkeitspension ansuchen“, erklärt Heller. Das klappt allerdings nicht immer reibungslos, wie der Fall von Frau X. zeigt: „Die 57-Jährige ist aufgrund ihrer massiven psychischen Erkrankung schon länger in Krankenstand, Mitte September wird sie ausgesteuert. Um weiterhin Geld zu bekommen müsste Frau X. nun zum Arbeitsmarktservice gehen. Das wäre aber gleichzeitig das Eingeständnis, dass Frau X. wieder arbeitsfähig ist – was definitiv nicht der Fall ist. Da beißt sich die Katze in den eigenen Schweif“.
Damit die Berufsunfähigkeit von der Pensionsversicherungsanstallt anerkannt wird, braucht Frau X. ein entsprechendes Gutachten der Pensionsversicherungsanstalt. Weil sie aufgrund ihrer Angststörung nicht alleine vorstellig werden konnte, bat sie um Unterstützung durch den Verein Lichterkette. „Sowohl die psychiatrische als auch die medizinische Untersuchung waren viel zu oberflächlich. Frau X. wurde nach Körpergröße, Gewicht und Geschwistern gefragt, oder nach ihren Medikamenten. Allen mitgebrachten Befunden wurde nicht genügend Beachtung geschenkt. Es ist erschütternd, wie leichtfertig mit der Gesundheit betroffener Menschen umgegangen wird“, sagt Heller.

Brigitte Heller, Vorsitzende Verein Lichterkette
Seit Jahren fordert der Verein Lichterkette deshalb, dass bei Begutachtungen das bio-psychosoziale Modell angewendet wird, also dass nicht nur medizinische Diagnosen zählen, sondern auch soziale und psychische Belastungen in die Begutachtung miteinfließen. Bislang seien die Appelle des Vereins aber ungehört verhallt. „Psychische Erkrankungen sind keine Einbildung. Sie sind real. Sie sind belastend. Und sie gehören respektiert. Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen brauchen Sicherheit – keine zusätzlichen Hürden und keine existenzbedrohenden Entscheidungen. Die sozialen Grundrechte sollten längst in der Verfassung verankert sein, Österreich ist der einzige EU-Staat in dem das nicht der Fall ist. Durch die Aufnahme in die Verfassung entsteht eine stärkere Rechtsstellung und mehr Verbindlichkeit für den Staat “, so Brigitte Heller.
Der Verein Lichterkette besteht aus einem Team von Erfahrungsexpert·innen, die selbst von psychischen Erkrankungen betroffen sind oder waren. Ziele des Vereins sind u.a. due Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen durch Aufklärung und Schulungen. Der Verein gibt politische Impulse, arbeitet in einzelnen Gremien und Arbeitsgruppen mit oder unterstützt durch diverse Angebote bei der Umsetzung einer Online-Selbsthilfe wie der Stärkung des eigenen Empowerments.