Wo ich nicht bin

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Die Teilnehmer*innen von Eranos, einem Projekt zur beruflichen Rehabilitation von Menschen mit psychischen Erkrankungen, widmeten sich im April dem Thema „Identität“. Paul* hat dazu für das Access Guide Magazin einen Kommentar** verfasst. „Ich halte es für eine persönliche Peinlichkeit und für eine intellektuelle Bankrotterklärung, meine ,Identität` überhaupt erklären, begründen oder entschuldigen zu müssen. Worüber sprechen wir denn? Etwa von der sexuellen Identität? Mich als heterosexuellen Normalo zu ,outen` halte ich für vollkommen irrelevant. Eine Gesellschaft, die das Gemeinsame anstrebt, indem sie das Trennende betont, finde ich bedauernswert. Das führt nur zu zusätzlicher Ausgrenzung.

Mich persönlich erschüttert, dass durch Identitätspolitik auf ,Teufel komm raus` eine provokative Spaltung der Gesellschaft erreicht wird. Auch wenn dabei – in bester Absicht – lediglich das legitime Ziel der Inklusion verfolgt wird. Das Hervorheben des Anders-Seins führt meiner Beobachtung und meiner Erfahrung nach leider nur zu zusätzlicher Ausgrenzung und zu Differenzen. Momentan scheint es so zu sein, dass nur jene Minderheiten Rechte bekommen, die laut genug schreien und die richtige Lobby auf ihrer Seite haben. Das führt aber wieder nur zu Diskriminierung anderer Gruppen und zu einer gesellschaftlichen Vereinzelung. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die gemeinsame Vision von einer für alle gerechten Gesellschaft.

Ich bin ein alter, weißer Mann, noch dazu Europäer, und sollte laut Universität von Oxford die Musik von Mozart und Beethoven nicht mehr hören – die sei nämlich ,kolonialistisch`. Da kann ich nur fragen: Hallo? Geht’s noch? Wenn ich Mozart lausche, weiß ich, dass es einen Gott gibt – das entspricht dann aber auch wieder nicht dem weltanschaulichen Mainstream. Für mich ist es furchtbar, mit welch politisch korrekten Idiotien ich mich herumschlagen muss. In London wurde Churchills Denkmal beschmiert, weil er gegen Indiens Unabhängigkeit war. Aber wer war das damals, 1890, nicht? Wieso haben wir die kühne Dreistigkeit, ja Frechheit, heutige Moralvorstellungen auf vergangene Zeiten zu projizieren? Ich halte das für unfair.

Bin ich anders als meine Mitmenschen? Ich hoffe doch sehr. Alles andere wäre eine Tragödie. Die schönsten Streitgespräche führe ich schließlich mit Freunden, die völlig anderer Meinung sind. Sonst könnte ich ja nichts lernen. Die Frage nach dem ,Anderssein` ist aber außerordentlich heikel. Wenn wir das Anderssein selbst empfinden, in einer freien Demokratie, ist das ja kein Problem. Aber was mache ich in einer Diktatur, wo mir von außen her aufgedrückt, aufgestempelt, aufgenäht wird, dass ich angeblich anders bin?

Attribute der Identität

Wenn ich mir vorstelle, mit welchen Requisiten ich mich porträtieren ließe, fällt mir ein, dass sich Anfang der 1980er Jahre in Frankreich ein Gegenkandidat Mitterands auf Wahlplakaten ganz ungeniert als Nackedei mit einer Pfauenfeder im Hintern zeigte, als Statement dafür, was er von der Politik im Allgemeinen und von seinem Konkurrenten im Besonderen hielt. Um noch weiter zurückzugehen: Der deutsche Kaiser Wilhelm II. hat sich laut Spiegel History, vor dem ersten Weltkrieg angeblich sechsmal am Tag umgezogen, sich kostümiert. Besonders gerne trug er historische Uniformen: einmal verkleidete er sich als Friedrich der Große, dann als Kaiser Karl, dann als preußischer Kürassier, dann war er Wallenstein oder Martin Luther. Ständig musste er mannhaft-starke Männer imitieren, um damit vermutlich seine Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren. Das ist eigentlich traurig. Requisiten – oder Verkleidungen – zeigen, was ich nicht habe, aber anstrebe.

Wer ich bin, sollte ich auch ohne Requisiten wissen. Ich sehe mich – von Habsburg kommend – als Mitteleuropäer. Manchmal überlege ich, ob ich meine Identität wechseln würde, wenn ich könnte. Schließlich ist es angeblich überall besser, wo ich nicht bin. Nein – im Ernst: Man müsste nicht nur die Identität, sondern auch die Zeit, in der man lebt, wechseln können. Ein leidenschaftlicher, vergnügungssüchtiger Hedonist wäre im Berlin der späten 1920er Jahre sicher bestens aufgehoben gewesen – als Arbeitsloser kurz darauf in der Weltwirtschaftskrise dann wahrscheinlich eher nicht. Oder: In der kakanischen Reichshaupt- und Residenzstadt zu Wien wären mir z.B. als Generalstabsoffizier im 19. Jahrhundert wirklich alle Chancen zu Karriere, Ruhm und Ehre, gesellschaftlichem Aufstieg und ehelicher Besserstellung offen gewesen. Nach dem ersten Weltkrieg aber hätte mir das Proletariat dann die Schulterstücke heruntergerissen und mich wie den letzten Dreck behandelt: ‘Und die Herrn mit die goldenen Stern, die sollen die Straße jetzt kehrn.’ So schnell kann’s gehen. Vielleicht bin ich aber auch jetzt 2021 genau in der für mich passenden Zeit – auch wenn die gerade nicht ganz einfach ist. Und dem Jahr ’21 kann ich nur sagen: von Dir lasse ich mich ganz sicher nicht demoralisieren, Du gehst nämlich vorbei. Und irgendwann werde ich über Dich lachen können“.

*Name geändert.

** Kommentare im Access Guide Magazin geben stets ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors, der jeweiligen Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.