Wellensittiche im Kopf

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Birgitt Heinl war 20 Jahre lang im Bildungsbereich tätig. Neben ihrer Lehrtätigkeit absolvierte sie zwei Studien, bevor ein Burnout zum Wendepunkt wurde. Mit über 40 Jahren erhielt sie die Diagnose Autismus, ADHS und Hochbegabung. Im Interview erklärt sie, wie diese späte Erkenntnis ihren Blick auf Barrierefreiheit radikal veränderte und warum es ihr als Autorin ein großes Anliegen ist, über Neurodivergenz zu informieren und neurodivergente Menschen zu stärken.

Access Guide Magazin: Sie haben erst im Erwachsenenalter erfahren, dass Sie Autistin sind. Wie war Ihr Leben vor der Diagnose – und was hat sich durch die Diagnose verändert?

Birgitt Heinl: Ich habe mir immer schon Gedanken darüber gemacht, was mit mir eigentlich nicht stimmt, ich war anders und der Nerd, der überall aneckt und den andere nicht verstehen. Zunächst habe ich die Schuld bei mir gesucht und mich gefragt „Was mache ich falsch?“ und „Warum passe ich nicht dazu?“ Nach der Diagnose hatte ich endlich Klarheit. Ich habe mich dann in die Thematik eingelesen und eine Therapie gemacht. Jetzt bin ich nicht mehr so streng mit mir selbst, bin mir gegenüber milder geworden, obwohl ich immer noch einen leichten Hang zum Perfektionismus habe.

Access Guide Magazin: Wie schwierig war es für Sie die Diagnose überhaupt zu bekommen? Was waren die größten Hürden?

Birgitt Heinl: Bei mir gab es zuerst die Fehldiagnose „generalisierte Angststörung“, weil sich manche Symptome mit Autismus überschneiden, es war aber mehr Overthinking als Angst. Eine Psychiaterin hat mir dann einen Autismus-Test empfohlen. Die Wartezeit über die ÖGK betrug über ein Jahr. Privat und auf eigene Rechnung hat es auch erst bei der dritten Anlaufstelle, einer klinischen Psychologin, funktioniert. Es waren mehrere Sitzungen nötig, das ging ziemlich ins Geld. Ein Jahr später kam dann noch meine ADHS-Diagnose dazu. Das lief über einen Facharzt und ich hatte innerhalb weniger Wochen einen Termin. Der Befund wurde mir per Mail zugeschickt, es gab keine Befundbesprechung, aber das Ganze hat nichts gekostet. Das waren zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen.

Birgitt Heinl

Birgitt Heinl

Access Guide Magazin: Sie schreiben auch Schlafstörungen und Burnout. Wie hängen diese Erfahrungen für Sie mit Ihrer Neurodivergenz zusammen?

Birgitt Heinl: Ich bin eine „Overthinkerin“ – in meinem Kopf ist nie Ruhe. Mein Gehirn ist wie ein Baum voller Wellensittiche – deshalb habe ich meinen Blog auch so genannt. Außerdem kann ich gut „katastrophisieren“, d.h. ich gehe immer vom Schlimmsten aus. Meine Schlafstörungen hängen definitiv mit der Neurodivergenz zusammen. Ich habe oft tagelang nicht geschlafen, die Erschöpfung wurde durch meine Arbeit als Mittelschullehrerin immer schlimmer, bis ich schließlich ein autistisches Burnout hatte: Meine Reizempfindlichkeit ist enorm gestiegen, während meine Konzentrationsfähigkeit immer mehr nachgelassen hat. Ich fühlte mich immer neurodivergenter. Die Schule war für mich purer Stress und Reizüberflutung, ich war sehr lange im Krankenstand und wollte mich versetzen lassen. Weil das nicht gelungen ist, habe ich gekündigt. Momentan befinde ich mich im Berufswechsel und studiere E-Learning und Wissensmanagement an der Hochschule Burgenland.

Access Guide Magazin: Wie hat Ihr familiäres oder schulisches Umfeld auf Sie als Kind und Jugendliche reagiert?

Birgitt Heinl: Mit meinen Eltern habe ich großes Glück. Für die war ich vielleicht immer ein „bissl anders“, aber sie haben mich verstanden und mich alles so machen lassen, wie ich es konnte. In der Schule wurde es dann aber schwieriger, besonders in der Pubertät in der Oberstufe. Wer sich für Dinosaurier statt Burschen begeistert, fällt aus dem Rahmen. Ich habe sehr mit sozialen Problemen gekämpft und war wegen meiner Dyskalkulie sehr schlecht in Mathematik. Das Problem war, dass ich mich immer auf diese Schwäche konzentrieren musste, sehr viel Nachhilfe in Mathe bekam, es aber trotzdem nicht verstand. Meine Hochbegabung liegt im sprachlichen Bereich, dort bekam ich leider keine Förderung. In der Oberstufe fände ich ein Modulsystem besser, wo man bestimmte Fächer abwählt und sich so mehr auf die Stärken konzentrieren kann statt auf die Schwächen.

Access Guide Magazin: Viele Frauen lernen früh, sich anzupassen und bestimmte Verhaltensweisen zu „maskieren“. Wie war das bei Ihnen?

Birgitt Heinl: Ich hab nicht bewusst „maskiert“, das war eine ganz automatische Anpassungsreaktion. Mir war wichtig, nicht aufzufallen. Lange Zeit war ich sogar eine „People-Pleaserin“ und habe mich mit meiner Meinung zurückgehalten. Mittlerweile mach ich aber den Mund auf und sage, was mir nicht gefällt. Damit ecke ich zwar manchmal an, aber das akzeptiere ich.

Access Guide Magazin: Welche Situationen, die für andere Menschen vielleicht völlig selbstverständlich sind, können für Sie besonders anstrengend sein?

Birgitt Heinl: Familienfeiern oder generell Feste oder Zusammenkünfte, bei denen viele Leute an einem Ort sind, sind für mich mühsam. Ich bin sehr geräuschempfindlich und frage mich oft, warum man überall mit Musik berieselt werden muss. An der Uni sind es wiederum Gruppenarbeiten und die dafür benötigte Koordination und Kommunikation, die mich stressen. Um Hochschullehrenden und eigentlich allen Menschen zu vermitteln, wie sich ein Studium mit Neurodivergenz anfühlt, habe ich ein kleines Spiel programmiert, bei dem man sich in die Rolle eines neurodivergenten Studierenden versetzen kann. Mittlerweile kann ich mich ganz gut einschätzen und weiß, wie ich funktioniere. Geholfen haben mir dabei eine Therapie und eine psychosoziale Rehabilitation im Burgenland. Zum Einschlafen nehme ich ein leichtes Antidepressivum, das hilft meistens.

Access Guide Magazin: Was hätten Sie sich in besonders schwierigen Phasen Ihres Lebens von Ihrem Umfeld gewünscht?

Birgitt Heinl: Mehr Verständnis, vor allem im beruflichen Umfeld. Schlimm waren für mich auch die vielen „Durchhalteparolen“, mit denen ich konfrontiert war. Vom Gesundheitssystem würde ich mir wünschen, dass es eine größere Akzeptanz von unsichtbaren Erkrankungen und Behinderungen gibt. Vor allem die PVA hat da Handlungsbedarf. Sowohl meine Psychiaterin als auch die Rehabilitation haben bestätigt, dass ich eine Arbeit mit weniger Sozialkontakten bräuchte. Die PVA hat mein Ansuchen um Unterstützung beim Berufswechsel aber leider abgelehnt.

Access Guide Magazin: Warum wird Autismus bei Frauen Ihrer Meinung nach so häufig erst spät erkannt?

Birgitt Heinl: Es gibt immer noch sehr viele Klischees, wie das vom nerdigen Buben, der seine Züge nach Farben ordnet oder dass Autismus mit Inselbegabung gleichgesetzt wird. Gerade neurodivergente Frauen sind aber oft ganz anders. Wir werden dazu erzogen, uns anzupassen. Wenn ein Mann auf den Tisch haut, gilt er als durchsetzungsstark. Macht eine Frau das Gleiche, ist sie zickig. Aufgrund ihrer Sozialisation sind die meisten Frauen geübter darin, sozial zu sein oder sich zu kümmern. Heute gibt es immerhin bessere Diagnosemöglichkeiten. Ich bin 1982 geboren und damals hatten Mädchen kaum eine Chance auf die Diagnose ADHS oder Autismus, das hat sich geändert. Darum ist die steigende Zahl an neurodivergenten Menschen auch keine Modeerscheinung, sondern eine Folge der besseren Diagnostik.

Access Guide Magazin: Was verstehen Menschen, die selbst nicht neurodivergent sind, Ihrer Erfahrung nach am schwersten?

Birgitt Heinl: Ich würde sagen, die Reizüberflutung, der wir ausgesetzt sind. Ich empfinde etwas nicht nur als laut, sondern habe das Gefühl, als würde sich das Geräusch in mein Hirn hineinfressen. Was auch oft missverstanden wird, sind Meltdowns und Shutdowns. Diese sind kein Trotzanfall, sondern ein Systemabsturz und Kontrollverlust. Reaktionen wie Anschreien sind da kontraproduktiv. Ich hatte beispielsweise einen Shutdown mit Migräne, Spannungskopfschmerzen und einem Ausfall des Sprachzentrums. Der Grund war, dass ich über meine Grenzen gegangen bin, was ich künftig nicht mehr tun werde. Ähnliches gilt für die exekutiven Dysfunktionen. Von außen betrachtet wird das oft als Faulheit abgetan, für Neurodivergente ist es so, dass wir zwar wollen, aber nicht können, weil das Gehirn streikt.

Access Guide Magazin: Sie schreiben auf Ihrem Blog oder in ihren Artikeln über Neurodivergenz. Warum ist es Ihnen wichtig, Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen öffentlich zu teilen? Was wünschen Sie sich für den gesellschaftlichen Umgang mit Autismus und Neurodivergenz in Österreich?

Birgitt Heinl: Ich möchte meine Erfahrungen mit anderen Menschen teilen, egal ob neurodivergent oder neurotypisch. Mir ist es wichtig, darüber aufzuklären, andere Betroffene zu empowern, positive Repräsentation zu schaffen und mehr Barrierefreiheit einzufordern. Von der Gesellschaft wünsche ich mir mehr Akzeptanz und mehr Bewusstsein für das Thema. Wichtig wäre außerdem, dass nicht nur über neurodivergente Menschen gesprochen wird, sondern dass diese auch selbst zu Wort kommen.

Access Guide Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.

Birgitt Heinl schreibt auf ihrem Blog Wellensittichbaum über Identität, Selbstfürsorge und das Leben als Spätdiagnostizierte. Ihr Fokus liegt darauf, die oft unsichtbaren kognitiven Hürden in Bildungsprozessen aufzuzeigen, über Neurodivergenz zu informieren und neurodivergente Menschen zu stärken. Im dazugehörigen Podcast erzählt sie aus ihrem Leben mit AuDHD. Um die Probleme im Studienalltag zu verdeutlichen, arbeitet sie gerade an einer Visual Novel. Der Prototyp ist hier abspielbar. Birgitt Heinl ist Autorin auf  bizeps.