Das große Wandern

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Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Migration. Denn Menschen haben schon immer ihr Zuhause verlassen, sei es wegen wirtschaftlicher Notwendigkeit, politischer Verfolgung oder auf der Suche nach neuen Chancen und Abenteuern. Die Wissenschaftsjournalistin Susanne Mauthner-Weber und der Historiker Hannes Leidinger haben ein Buch darüber geschrieben.

Migration ist ein zentrales Thema unserer Zeit. Meist wird es als Phänomen der Gegenwart dargestellt und als Folge weltweiter Krisen oder wirtschaftlicher Schräglagen. Tatsächlich war Migration in der Geschichte Mitteleuropas nie die Ausnahme, sondern immer der Regelfall. Das zeigen Hannes Leidinger und Susanne Mauthner-Weber in ihrem aktuellen Buch „Zuhause ist anderswo“. Die beiden unternehmen darin eine spannende Weltreise durch die Migrationsgeschichte und bringen zahlreiche Beispiele dafür, dass sich die Gesellschaft ständig verändert hat.

Vor zwei Jahren fanden Wissenschaftler·innen heraus, dass Ötzi, die wohl berühmteste Eis-Mumie der Welt, zu über 90% Anatolier war und damit ein Ur-Tiroler mit Migrationshintergrund. Lediglich 8,6 Prozent seines Erbguts lassen sich auf die europäische Jäger-und-Sammler-Population zurückführen. Aus Sicht der Archäogenetik gibt es generell keine europäische genetische Identität, die sich über Jahrtausende hinweg kontinuierlich herausgebildet hat. Wir Europäer sind ein genetischer Mix, der auch unser Äußeres geprägt hat. Denn die blauen Augen haben wir von den dunkelhäutigen Jägern und Sammlern, die helle Haut von den anatolischen Frühbauern und die blonden Haare von den Reitern aus der Steppe.

Die ersten Europäer wanderten vor ungefähr 45.000 Jahren aus dem Nahen Osten und Nordostafrika ein und vermischten sich hier zum Teil mit den lokalen Neandertalern. Darum stecken in jedem von uns ein bis zwei Prozent Neandertaler. Entlang des Schwarzen Meeres ging es für unsere Vorfahren Richtung Donau und dann nach Zentraleuropa. Trotz der Eiszeit mangelte es vorerst nicht an Weidegründen, die Mammuts, Wollnashörner oder Riesenhirsche anlockten. Außerdem waren unsere Ahnen als Jäger und Sammler hypermobil. Das Konzept der starren Grenzen und Nationalstaaten gab damals noch nicht. Es ist eine politische Idee, die erst im späten 18. Jahrhundert Gestalt annahm.

Susanne Mauther Hannes LeidingerDruck(c)Minitta Kandlbauer

Mauthner & Leidinger © M. Kandlbauer

Hannes Leidinger und Susanne Mauthner-Weber bringen in ihrem Buch viele weitere Beispiele von Wanderbewegungen wie jene der Schmiedinnen der Bronzezeit: Vor 4000 Jahren waren junge Mädchen aus Sachsen und Böhmen monatelang zu Fuß unterwegs, um im Alpenvorland einen Mann zu heiraten. Sie brachten ihr Wissen um den Bronzeguss mit in die neue Heimat. Wie groß die Zahl der eingewanderten Facharbeiterinnen gewesen ist zeigen Gräberfunde: Allein im Lechtal waren zwei Drittel der zwischen 2500 v. Chr. und 1500 v. Chr. beigesetzten Frauen Migrantinnen. An anderen bronzezeitlichen Fundorten präsentiert sich ein ähnliches Bild.

 Das Buch widmet sich auch anderen Formen der Wirtschaftsflucht. Erzählt wird etwa die „unglaubliche Odyssee“ der „Kolonie der Märtyrer“ nach Peru. 1857 brachen 304 Tiroler und Rheinländer auf, um in dem südamerikanischen Land eine bessere Zukunft zu finden. Ägypten oder das osmanische Reich waren ebenfalls beliebte Destinationen für die Auswanderung. Von den im Jahr 1900 in der europäischen Türkei lebenden 4422 Personen aus der Habsburgermonarchie waren 43,6 Prozent Frauen, im asiatischen Teil waren es sogar 47,2 Prozent und in Ägypten 63,3 Prozent.

Von 1870 bis zum Ende der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts zog es viele Menschen nach Übersee. 3,5 Millionen Menschen aus der Donaumonarchie, davon 1,8 aus der westlichen, österreichischen Reichhälfte, wählten vorwiegend die Vereinigten Staaten als Zielland. Erst nach und nach wurden Südamerika und Kanada attraktiver. In den 1920ern galt Russland „als bestes Einwanderungsland für Österreicher“. Nach 1934 entschlossen sich Februarkämpfer·innen, ab 1938 NS-Gegner·innen, zur Emigration, darunter bis zu vierzig Prozent Frauen. Heute gehen die Fluchtrouten in die andere Richtung. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gehört die Ukraine zu den zehn Ländern mit den höchsten Abwanderungszahlen.

Cover Zuhauseistanderswo 2D

Von Ötzi bis heute

Hannes Leidinger und Susanne Mauthner-Weber zeigen mit ihrem Buch, „dass wir das, was wir über Migration zu wissen glauben, dringend überdenken sollten“. Denn es ist erst gut hundert Jahre her, da sind Österreicher·innen in jene Weltregionen ausgewandert, aus denen heute Fluchtbewegungen in unsere Richtung gehen“. Darüber hinaus bietet das Werk eine gute Grundlage dafür in Diskussionen – egal ob öffentlich oder privat – das Schwarz-Weiß-Denken in Migrationsdebatten aufzubrechen. Zuhause ist anderswo ist 2024 im Leykam Verlag erschienen.