Es gibt noch viel zu tun

Dieter Chmiel © privat

Im Interview erklärt Dieter Chmiel von der Landesstelle Wien des Sozialministeriumservice wie Inklusion auf dem Arbeitsmarkt funktionieren kann. Er ist Leiter der Abteilung W2, deren Schwerpunkt auf der Unterstützung der beruflichen Inklusion von Menschen mit Behinderung liegt.

Access Guide Magazin: Die Nachfrage nach Angeboten des Sozialministeriumservice nimmt seit Jahren stark zu. Woran liegt das Ihrer Meinung nach und wie reagiert das SMS darauf?

Dieter Chmiel: Ich denke, dass viele Organisationen, aber auch NGOs stark dazu beigetragen haben, die Öffentlichkeit für das Thema Inklusion zu sensibilisieren. Personen wie z.B. Herbert Pichler vom Behindertenrat lenken seit Jahren die Aufmerksamkeit darauf. Aber auch unsere eigenen Projekte haben sicherlich einiges dazu beigetragen, wie beispielsweise die Arbeitsassistenz oder das Jobcoaching. Seit 2001 gibt es unser Projekt BVP, das seit 2010 österreichweit seitens des SMS gefördert und vom KOBV durchgeführt wird. Dabei werden Behindertenvertrauenspersonen im Rahmen des Projektes eingeschult. Die Ausbildung findet in vier Modulen statt und dauert ein Jahr. Die zertifizierten Behindertenvertrauenspersonen wirken wie Multiplikatoren und erzielen eine beträchtliche Breitenwirkung – sowohl bei den PersonalistInnenen, als auch in den Medien. Durch all diese Maßnahmen sind viele Unternehmen inklusiver geworden, darunter so große wie der REWE-Konzern, SPAR, McDonalds oder der ÖAMTC.

Auf die gestiegene Nachfrage reagieren wir, indem wir unsere Angebote an die Bedürfnisse anpassen. Dafür muss auch unser Budget laufend aufgestockt werden, was glücklicherweise passiert. Vor fünf Jahren hatte die Landesstelle 30 Millionen Euro zur Verfügung. Jetzt sind es mehr als 50 Millionen Euro. Das Geld brauchen wir auch. Allein nur z.B. für Gebärdensprachdolmetschkosten benötigen wir jährlich 1,5 bis 2 Millionen Euro.

Access Guide Magazin: Die berufliche Inklusion von Menschen mit Behinderung oder gesundheitlicher Beeinträchtigung ist der Schwerpunkt des SMS. Was konnte hier in den vergangenen Jahren bewegt werden?

Dieter Chmiel: Es ist schon viel passiert. Immerhin stehen wir nicht mehr am Anfang, aber es gibt noch viel zu tun. Ich würde sagen, wir sind gerade auf dem halben Weg.

Wir organisieren zahlreiche Veranstaltungen zu dem Thema. Abgesehen von der Sensibilisierung von Unternehmen müssen wir auch die entsprechenden Mechanismen zur Verfügung stellen. Besonders wichtig ist die Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz. Dieser Bereich wird sukzessive ausgebaut. Momentan haben in Wien ungefähr 200 Personen einen persönlichen Assistenten oder eine Assistentin. Das sind großteils Menschen ab der Pflegestufe 5, die mit Assistenz berufstätig sein können – auch wenn es meistens nur Teilzeitjobs sind. Vor fünf Jahren hatten wir dafür 1,8 Millionen Euro zur Verfügung – mittlerweile sind es 5 Millionen Euro. Das ist ein wichtiger Akt der Inklusion.

Zum Thema Barrierefreiheit und Inklusion organisiert das SMS auch zahlreiche Informationsveranstaltungen, die sich nicht nur an Konzerne, sondern auch an kleinere Unternehmen wenden. Auch ein kleiner Betrieb kann irgendwann einmal groß werden. Bei den Betriebsberatungen haben wir seit 2015/16 einen KMU-Schwerpunkt gesetzt.

Seit Ende 2011 läuft das Programm Fit2work, das sich sowohl an Personen, als auch an Betriebe richtet. Seit Start des Programms haben fast 19 000 Personen daran teilgenommen.

Für Menschen mit psychischer Erkrankung bieten wir über den Berufsverband Österreichischer PsychologInnen/BÖP im Rahmen von fit2work rasche psychologische Beratung bis zur Bewilligung einer Therapie über die Krankenkasse – entweder in Form von Therapiestunden, aber auch als Kunsttherapie. Das hängt von den individuellen Bedürfnissen ab.

Access Guide Magazin: Die Angebote des SMS richten sich nicht nur an DienstnehmerInnen, sondern auch an Unternehmen. Wie können da Barrieren im Kopf überwunden werden?

Dieter Chmiel: Viele Ängste und Barrieren im Kopf resultieren aus Unwissenheit und Unsicherheit. Aber Fragen von Arbeitgebern wie „Dürfen Menschen mit Behinderung Überstunden machen und am Wochenende arbeiten?“ oder „Wie ist das mit dem Kündigungsschutz“ können leicht erklärt werden. In Wien gibt es im Schnitt pro Jahr ungefähr 100 Kündigungsverhandlungen. Drei Viertel davon können vorab gelöst werden. Lediglich das restliche Viertel kommt in den Ausschuss – und das sind knapp 20 Fälle. 2018 gab es 92 Anträge und nur 9 Fälle landeten schlussendlich vor dem Behindertenausschuss zur Entscheidung. Von diesen 9 Fällen wurden 2/3 einer Kündigung zugestimmt. Bei einem Teil der Fälle können die Unstimmigkeiten mit höherer Lohnförderung, Arbeitsassistenzen, baulichen Anpassungen oder einer Reduktion der Arbeitszeit gelöst werden. Bei einem anderen Teil wird das Dienstverhältnis einvernehmlich gelöst.

Der Kündigungsschutz für Menschen mit Behinderung gilt übrigens erst nach dem vierten Jahr (sofern vor Aufnahme des DV ein Feststellungsbescheid vorliegt, ansonsten nach 6 Monaten) – ein Arbeitgeber hat also jede Menge Zeit seinen Mitarbeiter/seine Mitarbeiterin kennen zu lernen.

Ich empfehle unsicheren Arbeitgebern immer: „Schauen Sie nicht auf die Behinderung, sondern sehen Sie die Inklusion als Mehrwert. Von einem Kollegen/einer Kollegin mit Behinderung profitiert das gesamte Team. Es erhöht die Sozialkompetenz aller Beteiligten. Gelungen Beispiele dafür findet man bei REWE oder dem ÖAMTC und vielen anderen Unternehmen.

Access Guide Magazin: Wie schaut es mit den Arbeitsmarktchancen von Menschen mit psychischen Erkrankungen aus?

Dieter Chmiel: Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöht derzeit ein Feststellungsbescheid, da die DG eine Ausgleichstaxanrechnung wollen. Den wiederum wollen aber die wenigsten Menschen mit psychischen Erkrankungen haben. Und das ist derzeit ein Problem. Ein Mensch im Rollstuhl mit einem Jus-, oder Wirtschaftsstudium wird sicher leichter einen Job finden.

Der Vorteil von Menschen mit psychischen Erkrankungen am Arbeitsmarkt ist aber, dass ihnen – theoretisch – die gesamte Bandbreite der Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung steht. Immerhin ist das Ausmaß der Stigmatisierung geringer geworden. Die rasante Entwicklung des Arbeitsmarktes stellt nicht nur Menschen mit psychischen Erkrankungen vor eine große Herausforderung. Diese enorme Dynamik betrifft inzwischen ja fast alle.

Access Guide Magazin: Welche Aus-, und Weiterbildungsangebote gibt es für Menschen mit psychischen Erkrankungen? Wie werden sie angenommen und welche Herausforderungen sind damit verbunden?

Dieter Chmiel: Grundsätzlich können sie alle Aus- und Weiterbildungen in Anspruch nehmen. Leider fehlt vielen das Durchhaltevermögen. Es wäre gut, wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen dabei von BildungsassistentInnen unterstützt würden. Das gibt es momentan für Jugendliche und da funktioniert das recht gut. Der Bedarf wäre auf alle Fälle da. Die Zahl von Menschen mit psychischen Erkrankungen steigt laufend. Allein bei Fit2work haben aktuell 45% der Menschen psychische Probleme. Das liegt auch daran, dass sich mehr Menschen als früher outen.

Access Guide Magazin: Das Access Guide Magazin gibt es seit Mai 2018. Das Besondere daran ist, dass die KursteilnehmerInnen redaktionell mitarbeiten. Sie erweitern so ihre sprachlichen Kompetenzen und erhöhen dadurch auch ihre Chancen am Arbeitsmarkt. Wie gefällt Ihnen das Magazin und welche Geschichten würden Sie darin gerne lesen?

Dieter Chmiel: Sehr gut! Es ist übersichtlich gestaltet und es gibt viele interessante Artikel. Am besten gefallen mir die persönlichen Geschichten – von Menschen wie dem schwebenden Koch Peter Lammer. Das sind Beispiele, die Mut machen. Porträts dieser Art würde ich gerne mehr lesen. Interessant wäre auch ein Blick darauf, was andere Länder in punkto Inklusion machen oder auch Artikel über technische Neuheiten.

Access Guide Magazin: Was machen Sie in Ihrer Freizeit. Wie erholen Sie sich?

Dieter Chmiel: Ich versuche immer Natur und Kultur zu kombinieren. Mit sechs Jahreskarten für diverse Museen – vom Kunsthistorischen Museum über das Schloss Hof bis zum Schönbrunner Tiergarten – habe ich einiges anzuschauen. Eines meiner Lieblingsmuseen ist das Wien Museum. Die Sonderausstellungen dort sind immer sehr speziell und sehr gut aufbereitet. Im Sommer bin ich leidenschaftlicher Radfahrer – alleine oder per Tandem zusammen mit einem ehemaligen Kollegen, der blind ist.

Bei den Reisezielen ist bei meiner Frau und mir Ostdeutschland momentan hoch im Kurs, da es touristisch noch nicht so überlaufen ist. Im vorigen Jahr waren wir auf Rügen, Stralsund und Potsdam.

Musikalisch ist mein Geschmack sehr vielfältig. Ich bin ein großer Musical-Fan. Das Queen-Musical „We will rock you“ habe ich mehrmals in verschiedenen Städten gesehen. Aber ich geh auch gerne in Rockkonzerte und hör mir AC/DC, Van Halen oder Guns and Roses an. Im Sommer höre ich auch gerne Opern auf dem Rathausplatz. Und ich bin ein großer Fan des Fußballklubs Austria Wien, auch hier habe ich natürlich eine Jahreskarte.

Access Guide Magazin: Danke für das Gespräch!

Hinweise/Informationen zu allfälligen Förderungen finden Sie auf der Homepage des Sozialministeriumservice