Liebe als Entscheidung?

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Die Teilnehmer*innen von Eranos, einem Projekt zur beruflichen Rehabilitation von Menschen mit psychischen Erkrankungen, haben sich im Mai dem Thema „Liebe“ gewidmet. Clara* hat ihre Gedanken dazu für das Access Guide Magazin aufgeschrieben: „Meine erste Liebe war eine Entscheidung. Das war in der 4. Klasse Volksschule. Nicht mehr lange und wir würden die Schule wechseln. Ich bemerkte zunehmend, dass sich fast alles ums ,Verknalltsein` drehte. Jede und jeder war in irgendje­manden verknallt. Ich nicht. Ich hatte nicht mal eine Ahnung, was das sein sollte. Ich war Klassenbeste, bei jeder Geburtstagsparty eingeladen und wusste nicht, was es mit diesem Verknalltsein auf sich hatte.

Anders war es mit dem Verliebtsein – das kannte ich zumindest theoretisch. Dank meiner Romy-Schneider-begeisterten Großeltern hatte ich Sissi 1 bis 3 und die meisten anderen schnulzigen Nachkriegsromanzen quasi auswendig gelernt. In meiner Vorstellung hatte das aber nichts mit ,Verknalltsein`zu tun. Um in der Schule mitreden zu können, musste ich mich auch verknallen. Nur, in wen? Ich mochte alle Buben aus der Klasse irgendwie gleich gern, konnte mit allen Spaß haben. Also wo mit der Auswahl anfangen? Immerhin konnte ich 1, 2 dann doch recht schnell ausschlie­ßen, das half. Aber der Rest? Welche Parameter sollte ich anlegen? Und warum überhaupt Kriterien aufstellen? Liebe hat doch nichts mit dem Kopf zu tun, aber das wusste ich damals noch nicht.

In Ermangelung einer möglichen Bauch- oder gar einer Herzensentscheidung hab` ich beschlossen, in meinen Sitznachbarn verknallt zu sein. So einfach war das! Ich hatte inzwischen schon mitbekommen, wie es funktioniert. Ständig an ihn denken, Herzerln malen, wegschau­en wenn er herschaut und so weiter. Kein Problem: Verknalltsein – Check! Mein zum Anhimmeln Auserwählter hatte kaum Zeit, meine Verknalltheit auch nur ansatzweise zu bemerken, geschweige denn zu erwidern, da ich wohl viel zu oft wegschaute. Also blieb meine erste Liebe, die ja eigentlich keine war, unerfüllt.

Bis zu meinem ersten fixen Freund mit 18 habe ich Sympathie mit Liebe ver­wechselt. Ich war kein typischer Teenager. Gleichaltrige Jungs haben mich überhaupt nicht wahrge­nommen, da ich viel älter ausgesehen habe. Schon war einer nur ein kleines bisschen nett zu mir, war ich verknallt. Ach, endlich einer, der mich mag! Also muss ich ihn auch mögen! Zack – verknallt beziehungsweise in meiner Ge­fühlswelt bis über beide Ohren verliebt.

Zwischen 18 und 30 war ich in drei fixen Beziehungen, das Zusammenkommen ging sehr schnell. Meist war es Liebe auf den ersten Blick. Richtig verliebt hab` ich mich meist spontan. Zufällig. Fast immer in jemanden aus dem Freundes- oder Verwandschaftskreis. Keine lan­ge Schwärmerei, gleich ,Bumm, Zack, Simma zsam!` Und das hat dann auch recht lange gehal­ten. Dieses Muster hat sich durch all meine Beziehungen in den 20ern gezogen. Auch danach kam der Ansatz zurück und begleitet mich wohl immer noch – und ich bin schon länger kein Teenager mehr.

Mit 30 habe ich berufsbegleitend mein Studium begonnen und dadurch die Grundlage für mein ers­tes Burnout gelegt. Es war klargeworden, dass in meiner damaligen Beziehung ich das Geld verdie­nen würde müssen, also musste eine bessere Ausbildung her. Zwar ging die Beziehung bald nach Beginn des Studiums zu Ende, trotzdem habe ich weiter studiert. Dann war einfach keine Zeit für Kontakte außerhalb des Kollegen- und Kommilitonen-Kreises. Ich habe nur gelernt und gearbeitet. Nach dem Studienabschluss nur mehr gearbeitet. Dann Burnout, dann langsam wieder die Fühler ausstrecken, aber sehr verunsichert.

Die Erfahrung der Teenagerzeit und die Unsicherheit, die aus dieser Zeit rührt, sind zurückgekom­men. Sobald ein männliches Wesen freundlich zu mir war, wir uns sympathisch waren, oft gar nicht mehr als das – als wäre Sympathie zu wenig – konnte es ganz leicht passieren, dass ich Gefühle hineininterpretierte, die entweder noch nicht oder gar nicht da waren. Auch oft meinerseits gar nicht. Trotzdem steigerte ich mich dann ganz schnell hinein und – wenig überra­schend – wurde dann aufgrund meiner Verkrampftheit fast nie etwas aus diesen Schwärmereien. Ich negierte alles, was dagegensprach. Das konnte nichts werden. Wie denn auch?

Wie Nach-Hause-Kommen

Liebe ist für mich ein sehr intensives Gefühl, das mich mit einem Menschen innigst verbindet. Wenn ich liebe, kann ich mich fallen lassen, akzeptiere den Anderen, wie er ist und kann mich auch so geben wie ich bin. Ich höre zu, versuche mich einzufühlen, unterstütze, tröste, helfe, leide mit, versuche, das Leben der Anderen so schön wie möglich zu machen. Menschen, die ich liebe, brauche ich in meinem Leben. Ich ver­misse sie, wenn sie nicht da sind, sorge mich um sie. Ich will sie um mich haben, berühren oder zumindest ihre Nähe spüren können. Liebe ist für mich sehr, sehr eng, aber nicht einengend, sie hat keinen Zweck, ist einfach da und darf da sein. Liebe ist wundervoll, kann mir aber auch Angst – was, wenn sich etwas ändert? – machen. Sie macht mich verletzbar. Wenn ich liebe, öffne ich mich und dabei fällt ein Teil des Schutzman­tels weg, der mich vor Verletzungen schützen soll. Doch ohne mich zu öffnen, wird echte Liebe nicht funktionieren können.

Liebe beflügelt, Liebe wärmt, Liebe ist wie Nach-Hause-Kommen. Egal, wo man gemeinsam ist, dort bin ich zu Hause. In einer Partnerschaft sollte Liebe gegenseitig sein, sonst ist es – zumindest für mich – eine Qual. Es darf in jede Richtung leidenschaftlich werden. Ja, es soll sogar leidenschaftlich sein. Wenn ich mich an meine bisherigen Beziehungen erinnere, gab es nur eine Ausnahme, sonst waren sie immer har­monisch. Harmonie ist mir sehr wichtig. Aber wenn sie dazu führt, dass ich mich ständig anpasse, nur um sie zu wahren, ist das kei­ne Harmonie, sondern ein Vorspielen oder Verstellen. Ein Verste­cken der eigenen Bedürfnisse, Meinungen und Gefühle. Das ist keine Harmonie. Das ist Den-Schein-Wahren. Nicht nur vor anderen, sogar fast mehr vor mir selbst.

Foto von Daria Obymaha von Pexels

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Liebe ist ganz unterschiedlich. Da gibt es die Liebe zur Herkunftsfamilie, die Liebe zu den Kindern, die Liebe zum Partner. Bei sehr engen Freunden würde ich nicht wirklich von Liebe sprechen. Eher von starker, inniger Verbundenheit, die aber hin und wieder auch dem Gefühl von Liebe sehr nah kommen kann. Ich habe Liebe eigentlich immer nur nach außen empfunden, indem ich jemand anderen geliebt habe. Ich sollte aber auch mich selbst lieben (können). Das habe ich jedoch nie gelernt. Nicht, dass ich mich nicht lie­ben könnte, aber eigentlich weiß ich gar nicht, wie das geht. Es gibt genug Eigenschaften, die ich an mir mag, aber lieben? Naja, ich bin ich. Ich habe nur eben die meiste Zeit meines bisherigen Lebens damit verbracht, mich um die Befindlichkeiten anderer zu kümmern. Meine Bedürfnisse wurden meist in den Hintergrund gedrängt.

Meine jetzige Liebe war schnell von viel Zuneigung und Sym­pathie begleitet – das ist sie immer noch. Doch einen großen Teil davon hat doch wieder der Kopf ent­schieden. Viel zu sehr. Zu Be­ginn, aber auch in den 10 Jahren seither. Denn viel mehr als diese Zuneigung und Sympathie (und inzwischen starke Verbundenheit) ist nicht da, war es wohl – wenn ich ehrlich bin – nie. Der Wunsch zu lieben und geliebt zu werden beziehungsweise eine Familie zu gründen, stand im Vordergrund. Und so schließt sich (vorerst?) der Kreis – von der ersten bis zum bisher letz­ten Entschluss (!) mich zu verlieben.

Ich habe mich also nicht nur mit 10 Jahren entschieden mich zu verlieben, sondern auch später immer wieder aus unterschiedlichen Gründen heraus. Ich habe es mir inten­sivst eingeredet, um dieses schöne Gefühl der Verliebtheit zu erleben bis ich es selbst ge­glaubt habe. Gefühle eingeredet. Immer wieder ohne Gegenliebe. So geht Liebe aber nicht. Ich wünsche mir immer noch eine Liebe. Eine Liebe, der ich vertrauen kann und die mir vertraut. Gefühle, denen ich vertrauen kann – meinen und seinen. Echte, wahre Gefühle. Ohne (zu viel) Kopf. (Fast) Nur Herz, nur fühlen, fallen lassen, wir selbst sein. Wie lange? Natürlich ,bis dass der Tod uns scheidet`. Nein, im Ernst: So lan­ge es geht, so lange es passt. Für uns beide. Das wünsche ich mir, auf das hoffe ich. Und ich denke nicht, dass das unrealistische Romantik ist. Ich habe so oft ins Leere geliebt. Ich darf das auch endlich wieder einmal erleben. Eine Liebe, die echt und wahrhaftig ist. Vielleicht klappt es ja noch einmal”.

*Name geändert