Lockruf der Gene

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Ahnenforschung galt lange als ein etwas verstaubtes Hobby. Das hat sich geändert seitdem DNA-Tests die Suche nach der Herkunft vereinfacht und der Genealogie neuen Aufschwung verliehen haben.

Vor einem Jahr erschien Hape Kerkelings Buch Gebt mir etwas Zeit. Darin vermutet der Komiker, dass wahrscheinlich blaues Blut in seinen Adern fließt. Der britische König Edward VII. soll sein Urgroßvater sein. Das lege ein DNA-Test nahe, den der Entertainer gemacht hat. Dabei kam heraus, dass Kerkeling niederländische, britische, polnische und italienische Verwandtschaft hat. Außerdem erhielt Kerkeling einmal einen Brief aus dem böhmischen Geburtsort seiner Großmutter. Darin stand, dass seine Oma eine Tochter des besagten Königs sei. Laut ihrer Geburtsurkunde kam sie „unehelich“ auf die Welt.

Kerkelings persönliche Ahnenforschung mittels eines DNA-Tests hat der Genealogie neuen Aufschwung verliehen. Noch dazu ist das Prozedere denkbar einfach. Wer die eigene Familiengeschichte auf diese Art erforschen möchte, muss lediglich eine DNA-Probe per Post an eines der Ahnenforschungsportale schicken. Nach einigen Wochen erhält man eine „Ethnizitätsanalyse“ und ein DNA-Matching, also den Abgleich der eigenen Gendaten mit denen von anderen. So können genetische Verwandte gefunden und der Stammbaum erweitert werden.

Heikles Thema Datenschutz

Ganz unumstritten ist die Ahnenforschung mittels DNA aber nicht, schließlich werden dabei hochsensible genetische Informationen preisgegeben. Laut Stiftung Warentest unterliegen nur die Anbieter Ancestry und MyHeritage der europäischen Datenschutzverordnung (DSGVO), die unter anderem ein Recht auf Löschung personenbezogener Daten vorsieht. Die Stiftung Warentest rät außerdem dazu, ein Pseudonym sowie eine neutrale E-Mail-Adresse für die Tests zu verwenden und vorab in der jeweiligen Datenschutzerklärung zu überprüfen, was der Anbieter mit den Daten macht.

Klassische Genealogie

Wer sich gegen einen DNA-Test entscheidet, kann trotzdem auf die Suche nach den eigenen Wurzeln gehen. In Europa kommt man bei der Ahnenforschung über urkundliche Nachweise sehr weit. Zuständig für professionelle Familienforschung sind Berufs-Genealoginnen wie Karin Jauch. Die Deutsche hat Kund·innen aus den USA, Australien, aber auch aus Europa. Für die Baden-Württembergin ist ihr Job „so spannend wie ein Krimi und so überraschend wie eine Wundertüte. Man weiß vor Beginn der Recherche meist nicht wohin die Reise führt – im übertragenen – aber auch wörtlichen Sinn“, sagt die Ahnenforscherin. Für ihre Kundschaft durchforstet sie sämtliche Archive und transkribiert Dokumente.

Fündig wird Jauch vor allem in Kirchen oder Standesämtern. Die Suche kann sich aber mitunter schwierig gestalten. „Bis ins 13. Jahrhundert gab es nur Vornamen. Mit dem Bevölkerungszuwachs wurde es notwendig, Nachnamen einzuführen. Das waren oft Berufsbezeichnungen wie Müller, Schmid oder Schneider, aber auch äußerliche Merkmale wie schwarz, groß und breit“, erklärt die Genealogin. Ein Drittel ihrer Klientel kommt aus den USA: „Die wollen dann auch die Orte sehen, an denen ihre Vorfahren gelebt haben. Das wird dann von mir organisiert“. Für Jauch, die ausgebildete Diplom-Geografin ist, spielt die Landschaft dabei eine große Rolle: „Meine Touren verlaufen abseits der touristischen Pfade, ich zeige den Leuten besonders schöne Plätze in der Natur, besuche Bauernhöfe oder urige Wirtshäuser. So bekommen die Menschen eine Bild davon, wie ihre Vorfahren gelebt haben“, beschreibt Jauch. Besuche auf Friedhöfen oder in Kirchen gehören natürlich auch dazu. „Mir ist es wichtig, dass man etwas von der Ahnenreise mitnehmen kann – das können Geschichten sein, aber auch Rezepte von landestypischen Speisen“, sagt die Genealogin.

Auf der Suche nach Vorfahren

Viel Glück mit ihren Forschungen hatte die US-Amerikanerin Eileen Kay. Sie fand nicht nur die Spuren ihrer Vorfahren in Budapest, sondern traf letztendlich auch lebende Verwandte in Wien. Aufgewachsen ist Eileen Kay in New Jersey in den USA auf. Sie studierte Musik und Englisch in Ohio und Japan und absolvierte die London Film School. Danach war sie Musiklehrerin im Nahen Osten, Tonschnittmeisterin bei der BBC in London und Stand Up Comedian in Schottland. Heute pendelt sie zwischen Europa und Thailand und schreibt Bücher über ihre Reisen.

Über die Reise zu ihren Vorfahren hat Kay ebenfalls ein Buch geschrieben. Die Erforschung ihrer Familiengeschichte beschäftigte sie schon länger. „Meine Großeltern wanderten Anfang des 20. Jahrhunderts in die USA aus. Beide kamen aus Ungarn. Meine Großmutter war katholisch, mein Großvater jüdisch. Mein Vater wollte nie über seine jüdischen Wurzeln reden. Fragen danach waren tabu. Nach seinem Tod habe ich mich über sein Verbot hinweggesetzt und mich auf die Suche nach meinen jüdischen, ungarischen Vorfahren gemacht“, erklärt die Autorin.

Die Suche nach ihren Ahnen war für Eileen Kay auch eine Suche nach sich selbst. Als sie in Budapest tatsächlich Spuren der Vorfahren fand, war das „ein unbeschreibliches Gefühl“. Kays Reise verlief auf zwei Ebenen: In den Archiven und auf Friedhöfen war sie in der Vergangenheit unterwegs. Auf den Straßen und in den vielen Lokalen und Kaffeehäusern gab es die pulsierende Gegenwart der ungarischen Hauptstadt und viele Begegnungen mit interessanten Menschen. „Ahnenforschung ist für mich ein hervorragendes Urlaubsmotiv. Ich würde aber empfehlen, dafür schon im Vorfeld gut zu recherchieren und auch die Hilfe von professionellen Ahnenforschern in Anspruch zu nehmen“.

Tatsächlich fand Kay auf ihrer Suche einen echten Cousin. Das war für sie wie ein Wunder, weil sie davon ausgegangen ist, dass ihr Großvater ein Einzelkind war. Er hatte aber sechs ältere Geschwister. Die meisten wurden in Konzentrationslagern ermordet. „Nur mein Cousin Andreas hat überlebt“. Es dauerte einige Monate, bis Kay ihn in Wien ausfindig machen konnte, wo er heute als über 90-Jähriger lebt. Mittlerweile hat Kay auch seine Tochter, Enkelinnen und Urenkel kennen gelernt. „Wir sind jetzt befreundet und immer noch in Kontakt. Ich bin froh, dass ich den Wiener Zweig meiner Familie entdeckt habe. Am Anfang meiner Ahnenreise hätte ich nie gedacht, dass ich so erfolgreich in der Gegenwart landen würde. Das ist fantastisches Gefühl. Es hat meine Welt größer gemacht“, sagt Kay.