Plötzlich war alles anders

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Gewohnheiten begleiten uns immer und überall. Sie helfen uns durch den Alltag und steuern nicht nur, was wir tun, sondern auch was wir fühlen. Aber manchmal ist es notwendig diese Routinen zu durchbrechen. Access Guide Magazin-Praktikant Rudi Resch erzählt, wie ihm das gelungen ist:

„Ich denke, dass ich ein sehr gewohnheitsgetriebener Mensch bin. Gewohnheiten regeln mein Leben. Und es ist unglaublich schwer, aus diesem Mustern auszubrechen und dann mit diesen Unregelmäßigkeiten umzugehen: Der Kaffee nach dem Aufwachen, die Zigarette, nachdem man aus dem Bus gestiegen ist oder das Aufschütteln der Kissen, bevor man ins Bett geht ­– alles wiederholt sich. Ein gewöhnlicher Sonntag sieht bei mir zum Beispiel folgendermaßen aus: Irgendwann zwischen 10 und 12 aufstehen, die Morgenroutine, bestehend aus Zigarette, Kaffee, Musik und den PC aufdrehen, Serien schauen, Emails checken und dann mit Freunden zocken. Aber an diesem Sonntag war es anders. Ich bin sehr früh aufgewacht – also um 7.30. Und war einfach munter, sehr ungewöhnlich! Ich gehe also meiner Morgenroutine nach und drehe mir die erste Serie auf.

„Guten Morgen“ um 7.45 von „AM“ – sehr ungewöhnlich, auch wenn wir schon seit Wochen miteinander schreiben. Normalerweise bin ich derjenige, der den Tag mit „Guten Morgen“ einleitet. Es ist Muttertag und die Zeit verrinnt wie im Flug – Frühstück mit Mama um 10.00 und danach irgendwann mal Grillen und Mittagessen gegen 15.00 – die übliche Routine.

Es ist 9.45: Ich gehe in die Wohnung meiner Mutter, richte das Frühstück her und trinke mit Mama den für mich dritten Kaffee. Um 10 kommt mein Bruder runtergetorkelt, völlig normal. Wir frühstücken also, als das Handy wieder vibriert: „Was machst du heute?“ Aha, sie will mich scheinbar, nachdem der vorherige Abend abgesagt worden war, sehen – das freut mich irrsinnig, auch wenn ich nicht damit gerechnet hätte. Und dann folgt „Willst du heute zu mir kommen?“ Auf einmal war ich wie in einer Art Schockstarre – damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Zumal diverse Vorgeschichten exakt dieses Szenario sehr unwahrscheinlich werden ließen. Und aus Gewohnheit werde ich skeptisch. Irgendwo liegt der Hase im Pfeffer.

Ich kläre also die Mittagspläne, kann das Mittagessen auf Montag verlegen und bin quasi schon am Sprung. Ich eile ins Badezimmer, rasiere und dusche mich, dreh mir die Musik sehr laut auf und versuche das verwirrte Rauschen in meinen Gedanken zu ordnen. Es läuft „Seeed”, „Rammstein”, „System of a Down” und viele andere Bands und Sänger*innen, deren Lieder ich in und auswendig kenne. Was könnte wohl passieren? Was erwartet mich? Ist das jetzt nur ein Treffen? Ist es mehr? Oder ist es weniger?

Es ist mittlerweile 13.30 – mein Gedankenchaos ist einigermaßen geordnet, langsam macht sich Vorfreude breit. Ein Gefühl, dass ich nicht oft verspüre. Ich weiß, dass dieses Gefühl auch starke Konsequenzen mit sich ziehen kann. Und wieder beginnt das frische geordnete Chaos in sich zusammen zu stürzen. Egal, ich kann nicht in die Zukunft schauen, Gedanken lesen kann ich auch nicht – also einfach ein Herz fassen und drauf los. Schlüssel, Handy, Tschik und die Geldbörse wandern in die seit Jahren angewöhnten Standardplätze – Handy Rechts vorn, Tschik und Schlüssel Links vorn, Geldbörse in der Tasche am linken Bein – die Kopfhörer um den Hals und los geht die Reise ins Ungewisse:

Der Weg ist viel zu lang. Simmering – Hernals. Egal, den Weg kenn ich wie meine Westentasche, meine ehemalige Zivildienststelle ist nur eine Querstraße von ihrer Wohnung entfernt. Aber trotzdem hab ich viel zu viel Zeit zum Nachdenken. Was könnte wohl passieren? Was wird gesprochen, wird es gut ausgehen? Wird es so bleiben? Wird es sich verschlechtern? Schon wieder dieses Gedanken-Karussell. Musik lauter – egal ob die Menschen in der U-Bahn mithören können oder nicht. Ich muss jetzt wieder ein bisschen runterkommen!

Ich steige aus der U-Bahn aus und rauche mir aus Gewohnheit eine Zigarette an. Ich warte auf den Bus, ich rauche noch 2 Zigaretten, da ich bei ihr nicht rauchen sollte – sie stört es angeblich nicht, wenn ich im Vorzimmer bei offenem Fenster rauche – aber mir ist es total unangenehm in einer Nichtraucherwohnung zu rauchen. Auch wenn sie zu Besuch ist, geh ich in meiner eigenen Wohnung entweder vor die Tür oder in die Küche. Ich will, dass sie sich wohlfühlt, ich will, dass sie weiß, dass ich auch entgegen meinen Gewohnheiten handeln kann.

Die letzte Tschik schmeckt schon gar nicht mehr. Ich dämpfe nach der Hälfte aus und der Bus fährt im selben Moment in der Station ein. Ok. Das war‘s jetzt also – für die nächsten Stunden keine Zigarette! Ich komme bei ihr an und sie öffnet mir mit einem riesigen Lächeln die Tür. Natürlich schießen meine Mundwinkel auch direkt nach oben. Wir umarmen uns und mir fällt auf, dass etwas anders ist als sonst.

Dieser Tag verläuft so absolut unterschiedlich als jeder bisherige Sonntag. Dieses Auf und Ab der Gefühle, das Nachdenken, die Vorfreude die auch Schlechtes verheißen kann. Normalerweise wäre ich jetzt zuhause, breit wie zehn Meter Feldweg auf der Couch und würde mich nicht bewegen. Ein kurzer Blick aufs Handy verrät mir, dass ich bereits 23.000 Schritte gemacht hab – fast 300% des üblichen Sonntags.

Nach ein wenig Quatschen, Kudern und Lachen, entschließen wir uns, ein Eis zu holen. Sie nimmt zwei vegane Kugeln Eis, ich drei normale. Pistazie, Stracciatella und Cheesecake – eigentlich alles Sachen, die ich mag, aber nie als Eis nehme. Entgegen meiner Gewohnheit zu Cookies, Haselnuss und Amarena. Wir spazieren also die Straße entlang, als mir im Augenwinkel ein Herr auffällt, der versucht uns zu überholen – ich gehe als beiseite und bekomme ein freundliches: „Oh, Vielen Dank Herr Herkules!“/„HÄÄÄÄ“????/„Hobns mi verstondn?“/„Ja, hab‘ ich.“/„Na weil‘s so groß san und earna Freundin so kla!“

Sehr ungewöhnlich. Ja ich bin 191 und sie definitiv kleiner als ich, aber ungewohnt so angesprochen zu werden. Wir kehren in ihre Wohnung zurück und setzen uns auf das Sofa. Auf einmal schwingt sie sich mit einer eleganten Bewegung über mich und beginnt mich zu küssen. WOW – damit hätte ich jetzt gar nicht gerechnet. Das überrumpelt mich so derartig, dass ich mich dem Kuss nur hingeben kann. Sie küsst echt gut! Aber meiner Gewohnheit nach, bin ich derjenige, der sowas in die Wege leitet. Das war das erste Mal, dass mir zuerst eröffnet wurde.

Gefühlt stundenlang sitzen wir so da, küssen und necken uns. Diese Nähe, die ich jahrelang nicht verspürt habe, fühlt sich irgendwie entfernt vertraut an. Aber ungewohnt. Leider muss ich diesen Moment unterbrechen, die Uhrzeit verlangt es, da wir beide am nächsten Tag aufstehen müssen. Und trotzdem sitzen wir noch ewig so da, schauen uns tief in die Augen und beginnen uns wieder zu küssen. Der letzte Kuss. Dann muss ich aber wirklich, auch wenn ich eigentlich nicht möchte. Ich möchte länger bleiben, länger fühlen, länger froh sein, länger die Nähe spüren. Aber es geht nicht. Nicht ohne ein massives Verschlafen zu riskieren.

Also fahre ich nach Hause. Der Weg, der mir vorhin viel zu lang vorkam, kommt mir jetzt sehr kurz vor. Meine Gedanken sind noch immer total auf diesen Moment fixiert. Ich vermisse jetzt schon das Gefühl ihrer Lippen auf den meinen. „Morgen hole ich dich von der Arbeit ab, dann können wir da weitermachen, wo wir heute aufgehört haben.“ Mit diesen und noch anderen Worten wünsche ich ihr erholsamen und guten Schlaf, während ich selbst in ungewohnter Manier nicht einmal eine Zigarette vor dem Schlafen gehen rauche und ins Bett gehe“.

*Wrexer (Name geändert) ist Teilnehmer von Eranos, einem Projekt zur beruflichen Rehabilitation von Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Bild: Symbolfoto von Keira Burton auf Pexels