Seitenweise Lesefreude

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Das Jahr neigt sich zur Neige und nach all dem vorweihnachtlichen Trubel stehen die Chancen auf ein paar ruhige Tage zwischen den Jahren hoffentlich gut. Die Redaktion des Access Guide Magazins hat dafür eine kleine Buchauswahl zusammengestellt.

Kompromisslose Zärtlichkeit: Wer die Werke des ungarischen Schriftstellers Péter Esterházy mag, wird dieses Buch lieben: Dora Kaprálová komponiert ihr „Winterbuch der Liebe“ in der Art von Esterházys Roman „Eine Frau“. Darin entwirft der 2016 leider viel zu früh verstorbene Autor „voll heidnischer Heiterkeit“ knapp hundert Frauenfiguren aus unterschiedlicher Perspektive. Dora Kaprálová spinnt die Geschichte mit verschiedenen Männerfiguren weiter. Einen Winter lang verfasste sie jeden Tag einen kurzen Text über einen Mann oder ein männliches Objekt. Was ihr gelingt, geht aber weit über eine literarische Stilübung hinaus. Sie umkreist das Thema Männlichkeit mit virtuoser Leichtigkeit und lotet dabei sämtliche vorstellbaren Tiefen und Untiefen auf mitunter groteske Art und Weise aus. Káprálovás Männer sind ungeschickt, faul, liebenswert oder auch gemein und brutal. Einmal schreibt sie „Es gibt einen Mann. Ich liebe ihn. Ich stehe am Rednerpult im Krematorium, inmitten der Trauergäste suche ich ihn. Er liebt mich verscheuchend, wie eine Fliege“. Dann wieder geht es um einen Bund, den die Ich-Erzählerin liebt „Er heißt Gender. Er hasst mich. Behauptet, ich könne nicht, ich könne einfach nicht im rosa Negligé und mit rotem Bärtchen schreiben“. Mit ihren leichtfüßigen Miniaturen erschafft Kaprálova ein schillerndes und amüsantes, aber auch tiefgründiges Kaleidoskop von Möglichkeiten und Identitäten. Aber vor allem ist ihr Buch die Begegnung zweier großer Schreibender auf Augenhöhe. Zum Buch.

Cover Wut

Feministischer Roman

Vom Überleben und Leben: „Haben wir kein Salz“ fragt Johannes beim Abendessen. Seine Frau Helene sitzt nach einem Tag voll mit dem „Rufen, Wollen, Streiten, Bitten und Brüllen“ der drei Kinder erschöpft am Tisch. Ohne ein Wort zu sagen, steht Helene vom Tisch auf, geht zum Balkon und stürzt sich in die Tiefe. Ihr plötzlicher Tod versetzt die Familie in eine Schockstarre. Die 14-jährige Lola reagiert mit Selbstverletzung auf den Verlust der Mutter, der Vater mit Ratlosigkeit und die beiden jüngsten Kinder mit Ängsten und Albträumen. Und da ist dann noch Helene, die beste Freundin Sarahs, eine erfolgreiche, kinderlose Krimiautorin. Sie bietet der Familie Unterstützung an und die wird auch bereitwillig angenommen. Immer häufiger übernachtet Sarah in der Wohnung der toten Freundin und kümmert sich um deren Kinder und den unfähigen Witwer. Allmählich verändert sich Sarahs Blick auf die Freundin. Während Helene zu Lebzeiten über die zahlreichen Herausforderungen ihres Alltags hinweg gewitzelt hatte, sieht Sarah nun, wie hart und aufzehrend deren Leben tatsächlich war. Gefangen zwischen Pflicht und Liebe hatte Helene – obwohl eine moderne Frau – ein traditionelles Rollenbild gelebt, das ihr letztendlich zum Verhängnis wurde. Während Sarah trotzdem nach verharmlosenden Erklärungen dafür sucht, schlägt Lola einen radikaleren Weg ein. Sie will nicht das bedauernswerte Mädchen ohne Mutter sein, sie will Rache. Zum Buch.

Hunger und Zorn Cover

Mythos Normalität

Wilde Poesie. Isor ist ein ungestümes Kind. Sie tobt, ist wütend und reißt oft aus. Nicht selten bringt sie ihre Eltern zur Verzweiflung. Dennoch verfügt Isor über einige erstaunliche Talente, so kann sie etwa auf lautmalerische Art fremde Sprachen imitieren. Die Mutter erkennt die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Kindes. Sie weiß, dass Isor sich mit etwas auseinandersetzt, „das wir nicht sehen und das extrem mächtig ist“. Dem Vater dagegen macht die Kleine Angst. Ihren unkontrollierten Gefühlsausbrüchen gegenüber fühlt er sich hilflos. „Ich war nicht dafür gemacht, der Vater eines solchen Kindes zu sein“, bekennt er. Im ersten Teil von „Hunger und Zorn“ umkreisen die Eltern ihre Tochter in abwechselnden Sequenzen. Einmal nähern sie sich an, dann wieder treibt es sie von ihr fort. Wegen eines Wasserschadens in der Wohnung bittet die Mutter den Nachbarn Lucien auf Isor aufzupassen. Zwischen dem alten Mann und dem ungewöhnlichen Mädchen entwickelt sich eine enge Freundschaft. Der zweite Teil des Buches wird aus der Perspektive des Nachbarn erzählt. Im dritten und eindrücklichsten Teil des Romans kommt schließlich Isor selbst zu Wort. Und sie hat einiges zu sagen. Mit „Hunger und Zorn“ ist Alice Renard ein mitreißender Roman gelungen, der durch seine poetische, unsentimentale Dichte besticht. Zum Buch.

Cover Bidi

Afrikanische Tragödie

Leben am Abgrund. Der Ort, an den die Protagonistin Minga in Charline Effahs aktuellem Roman reist, lässt sich wohl am treffendsten als patriarchale Hölle beschreiben. Im ugandischen Flüchtlingslager Bidi Bidi finden Frauen zwar einigermaßen Sicherheit und Schutz, dennoch sind sie gezwungen, ihren brutalen, aufzehrenden Überlebenskampf weiterzuführen. In dem Camp tragen die Frauen „die Narben zweier Kriege: die der Waffen und die der Entwürdigung“. Ihr emotionales Gepäck wiegt schwer. Sie sind traumatisiert, verunsichert und ohne Hoffnung. Auch Minga hadert mit ihrer Vergangenheit. Sie ist auf der Suche nach ihrer Mutter, die sie als Achtjährige beim gewalttätigen Vater in Paris zurückgelassen hat, um in Bidi Bidi als Krankenschwester zu arbeiten, wo sie später unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt. In den Biografien dreier Frauen im Flüchtlingslager entdeckt Minga Parallelen zur Lebensgeschichte ihrer Mutter. Es sind Frauen mit gebrochenen Flügeln, verletzlich und nackt, die von Männern in Abhängigkeit gehalten, ausgenützt, gedemütigt und missbraucht wurden. Minga erkennt, dass es diesen Frauen ums nackte Überleben geht. Auch Mingas Mutter sah in der Flucht den einzigen Ausweg, wenn auch zu dem hohen Preis, die eigene Tochter verlassen zu müssen. So steht am Ende von Mingas Suche Verständnis und Respekt für die Frauen und ihre unglaubliche Widerstandsfähigkeit in Zeiten des Krieges und der Gewalt. Allerdings bleibt als bitterer Nachgeschmack die Tatsache, dass es heute überhaupt noch gesellschaftliche und politische Verhältnisse gibt, die diese Art von Überlebenskampf nötig machen. Zum Buch.

Butterberg Cover

Leben mit Adipositas

Formvollendet: „In guten Momenten konnte man denken, das alles hier sei nur ein Spaß. Eine Sommerfreizeit auf dem Land mit netten Menschen, ein wenig Programm und viel Müßiggang. Bis wieder jemand aus heiterem Himmel einen Heulkrampf bekam“, beginnt Sven Weiss seinen Roman „Der Butterberg“. Darin erzählt der Autor die Geschichte von Jan, der an Adipositas erkrankt ist und teilt damit Aspekte seiner eigenen Biografie. 147 kg, aber kein echtes Problem – das ist Jans Einstellung bis er in eine Klinik für Adipositas-Erkrankte kommt. Gruppentherapien, skurrile Übungen und nicht zuletzt Franziska, die er in der Klinik kennenlernt, ermöglichen es ihm, einen neuen Umgang mit seinem Gewicht zu finden. Doch ihn plagen Rückschläge und Zweifel, die er nur mithilfe seines Umfelds bekämpfen kann. Der Butterberg ist eine bewegende Geschichte über Selbstakzeptanz, persönliche Entwicklung und die Kraft, alte Lasten hinter sich zu lassen. Mit viel Feingefühl und Humor erzählt Sven Weiss davon, eigene Vorurteile zu hinterfragen und den Mut zu finden, das Leben neu zu gestalten. Zum Buch.