Auch in diesem Jahr entstanden wieder zahlreiche spannende, berührende, aber auch lustige Texte im Rahmen der Schreibworkshops des Access Guide Magazins. Zum Jahresrückblick gibt es nun die meistgelesenen Beiträge noch einmal:
Auf seinen Streifzügen durch Liesing hatte Willi* allerhand beobachtet und sich gleichzeitig an vieles aus seinem Leben erinnert: Alleine.Unsere Gruppe steht an der Straße. Die Trainerin erklärt die Aufgabe, wir sollen abwechselnd den Blick nach innen und nach außen richten. Wir teilen uns auf. Alleine. Ich würde gerne zumindest in Sichtweite eines Menschen sein, den ich kenne. Ich gehe jemandem mit Abstand hinterher. Es ist mir peinlich. Ich lasse es bleiben, suche meinen eigenen Weg. Alleine. Kaufhof Alterlaa. Drei Frauen sitzen ins Gespräch vertieft. Ruhig, zufrieden. Ich gehe vorbei. Alleine. Ein Spielplatz. Kinder spielen in kleinen Gruppen. Ein Junge gleitet eine Rutsche hinunter, Ball in der Hand, bleibt sitzen am Ende der Rutsche. Niemand beachtet ihn, niemand ist da. Alleine. Ich möchte zur Liesing gehen. Ein Bach. Ein Rinnsal. In Steine gefasst. Gerade. Moos und grobes Geröll bedecken den Boden des Baches. Kein Fisch, kein Frosch. Ich bin alleine mit meinen Gedanken und beginne, die bisherigen Eindrücke aufzuschreiben. Alleine.
Zwei Tauben kommen aus dem Wasser, legen sich gemeinsam in die Sonne zum Trocknen. Zweisam. Ich höre Stimmen hinter mir am Weg: zwei Jogger. Mehr Stimmen: zwei Radfahrer. Kurze Stille. Wieder Stimmen: zwei Spaziergänger. Nicht allein, sondern zwei. Nein, das bleibt nicht die Regel. Immer wieder Rollgeräusche, Schritte auf Kies. Einzelne Radfahrer. Kopfhörer, Stille. Einzelne Fußgänger. Schweigend. Eine einzelne Krähe. Kraah. Schreit sie nach Artgenossen? Oder ihren Frust hinaus?
Auf der anderen Seite des Baches, die Böschung hinauf: eine junge Frau von mir abgewandt. Reglos, sie sitzt wohl. Alleine. Beobachtet genau wie ich. Alleine. Eine Schulklasse. Eine Lehrerin voran. Plaudernde Kinder dahinter: zu zweit, in Grüppchen. Ein Mädchen weiter hinten. Alleine? Nein, eine zweite Lehrerin an ihrer Seite. Es wird wieder ruhiger. Alleine mit meinen Gedanken. Alleine.
Brennnessel an der steilen Böschung. Eine, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, viele. Einige der Pflanzen hier habe ich vor ein paar Wochen im Praktikum noch ausgerissen, ausgegraben. Unkraut. Beikraut. Ein Stück Holz treibt den Bach hinunter. Verfängt sich immer wieder kurz. Es schaukelt fast schwerelos. Ein Kästchen? Nein, nur ein kurzes Stück Holzlatte.
So viele Schulklassen. Das ist schon die vierte. Eine Kindergartengruppe. Die Kleinen in gelben Warnwesten, Kappe am Kopf. Sie erinnern mich an Uniformen. Werden so junge Kinder schon gleichgemacht? Sicherheit. Rationales, utilitaristisches Denken. Aber wo bleibt die Individualität? Wird sie zuhause oder im Kindergarten wieder abgeholt? Ich hoffe es.
Langsam fühle ich mich wieder wohl. Alleine mit meinen Gedanken. Ich überlege schon die ganze Zeit, immer wieder mal, die nackten Füße im Bach zu baden. Doch ich bin auf der steilen Seite. Einen Übergang suchen heißt von hier weggehen. Hier ist Schatten. Hier ist das Alleinsein erträglich. Ein Risiko. Ich könnte versuchen hinüberzuspringen. Scheitert es an meiner mangelnden Sportlichkeit? An der Angst mich zu verletzen? Sollte ich ein bisschen mutiger sein? Oder ist das einfach nur eine dumme Idee? Ich mache mich auf die Suche nach einer besseren Stelle zum Hinüberspringen. Überall ist Moos. Sind das Schmetterlinge? Libellen? So etwas Cooles habe ich schon länger nicht mehr gesehen. Foto? Halt still!
Zwei Kollegen am Weg. Sie sind mir schon Schritte voraus. Sie haben bereits die Füße gebadet. Kleine Fische entdeckt. Einen Flusskrebs gefangen. Ich folge ihrem Fingerzeig unter eine Brücke. Fische! Schatten! Füße baden! Die beiden gehen an mir vorbei. Und dann nochmal. Hey! Lasst mich alleine! Mit dem Bach. Mit den Fischen. Mit meinen Gedanken.
Algen treiben vorbei. Ein toter Fisch. Kopf nach oben, Schwanzflosse nach unten. Libellen surren vorbei. Der Schatten eines Vogels am Boden des Bachbetts. Ich denke an ein Gedicht, das ich vor Jahrzehnten geschrieben habe: Träumerei. Eine dieser Libellen knapp neben mir. Schnell ein Foto! Der Kuli fällt mir ins Wasser. Eine klare Botschaft: nimm den Augenblick auf: mit den Augen, dem Herzen, nicht mit dem Handy. „ … denn das Wesentliche ist für das Handy unsichtbar.“ Ich klettere aus dem Bach. Stürze fast. Es reicht. Ich hol mir ein Eis! Das hab ich mir verdient. Ganz alleine. Den gesamten Beitrag gibt es hier.
Vorsichtig behandeln
„Ich bin alles, was ich will – ich bin sanft“, sagt Susanne*. Damit es anderen Menschen, vor allem Kolleg·innen und Vorgesetzten, leichter fällt, sie zu verstehen, hat sie eine Gebrauchsanweisung für sich selbst geschrieben: „Um gut zu funktionieren brauche ich fixe Arbeitszeiten und eine Tätigkeit, die mir Spaß macht und abwechslungsreich ist. Als Frühaufsteherin bin ich schon ab sieben Uhr einsatzbereit. Wichtig sind mir nette Kolleg·innen. In familiärer Atmosphäre blühe ich auf. Dann können sich meine Stärken besonders gut entfalten – wie Gewissenhaftigkeit, Teamfähigkeit, Organisationstalent oder Eigeninitiative.
Persönliche Kommunikation ist mir am liebsten. Ich telefoniere lieber, als per Mail oder SMS kontaktiert zu werden. Mir ist es wichtig, die Stimme der Menschen zu hören mit denen ich in Kontakt bin. Es kommt vor, dass ich gerne alles mehrfach erkläre. Manchmal bin ich auch zerstreut, vor allem wenn ich über schwierige Themen nachdenke. Dann kann es leicht zu Missverständnissen kommen. Im Umgang mit anderen sind mir Ehrlichkeit, Respekt, Freundlichkeit, Zuverlässigkeit und Menschlichkeit wichtig. Ungerechtfertigte Kritik von dominanten, arroganten, lauten, kalten oder empathielosen Menschen kann bei mir allerdings Allergien auslösen. Lügen ebenfalls. Wer mir ehrliches Feedback geben möchte, sollte einfach ehrlich und natürlich sein und ohne viele Herumgerede zum Punkt kommen. Ich bin zwar sensibel, aber hart im Nehmen. Ich möchte immer wissen, woran ich bin. Am Arbeitsplatz mag ich Beständigkeit und möchte nicht so viel unterwegs sein.
Ich möchte Dinge voranbringen. Deshalb mag ich es mit Menschen zusammen zu arbeiten, die auch etwas bewegen wollen. Ich möchte mir meine Arbeitszeit selbst einteilen können. Ich möchte mich kreativ betätigen können. Neue Konzepte zu spinnen, neue Ideen zu generieren macht mir Freude. Ich möchte mit Leuten arbeiten, denen ich vertrauen kann. Ich brauche Abwechslung. Starre Muster und Sätze wie „Das haben wir schon immer so gemacht“ killen meine Energie. Ich brauche Zeit für mich, um in Ruhe zu arbeiten. Danach tausche ich mich gerne aus. Ich möchte das Warum – den Sinn – verstehen, sonst kann und will ich auch nicht loslegen – ich brauche einen Überblick. Ich möchte meine eigenen Entscheidungen treffen. Mich zu bevormunden geht nicht gut aus. Kritik kann ich annehmen, wenn sie von Leuten kommt, die ich respektiere und die mich respektieren. Ich gebe gerne Wissen weiter und helfe gerne. Aber nur, wenn das auch erwartet und geschätzt wird. Je mehr Informationen ich habe, desto schneller verstehe ich den Gesamtzusammenhang. All das füttert mich mit Wissen!“
Die Welt draußen
Sandra* hat einen kleinen Frühlingsspaziergang gemacht und dabei über sich und das Leben nachgedacht: „Die Sonne strahlt und wärmt mein Gesicht. Die Vögel singen. Die Erde ist dunkel und feucht. Die Bäume sind noch kahl vom Winterschlaf. Vereinzelt sehe ich ein paar Knospen an den Bäumen und Sträuchern. Ich höre einen Laubsauger … Menschen gehen mit ihren Hunden spazieren, zu zweit und auch alleine. Peter sitzt neben mir auf der Bank und schreibt seine Gedanken nieder – so wie ich das gerad mache.
Direkt vor uns ist der Aufgang zur Brücke. Ich höre Autos, Busse und schwere, große Wägen vorbeifahren. Sehen kann ich sie nicht. All dies gehört zum Leben, die verschiedenen Jahreszeiten, das Licht, die Sonne, die Kälte, die Wärme und die Hitze, Autos, Lärm, Menschen und deren Emotionen. Ich fühle Akzeptanz in mir. Alles darf sein und ich fühle mich dabei nicht verantwortlich. Verantwortung habe ich für mich selbst. Das spiegelt sich auch in meinem Tun und Sein wieder. Ich nütze diese kurze Pause hier in der Sonne an dem schönen Ort, um mir meinem Außen bewusst zu sein. Es weht ein sanfter, frischer Wind. Ich fühle, spüre, höre, rieche, sehe und empfinde Dankbarkeit am Leben zu sein“.
Weg einer Schildkröte
Margo* schreibt: Sich frei zu fühlen, ist ein Anspruch, eine Gunst, eine Ehre, ein Privileg. Ein Privileg, das der Schildkröte bisher verwehrt wurde. Die Schildkröte macht einen harmlosen und ängstlichen Eindruck. Sie versteckt sich gerne. Die anderen Tiere zeigen ihr, wie großartig deren Fähigkeiten sind. Zu fliegen, zu jagen, zu töten. Das macht ihr Angst. Angst davor nicht genug zu sein. Nichts bieten zu können. So sehr, dass sie am liebsten in ihrem Panzer bleibt. Denn da ist es gemütlich, da kann ihr nichts passieren. So ist es und so war es schon immer. In ihrem Leben gab es schon einige Tiere die es sich auf ihr bequem gemacht haben. Was kann denn bei diesem stabilen Panzer schon passieren?
Druck entsteht. So viel, dass ihr sogar der einzig sichere Hafen, nämlich ihr Panzer, keine Geborgenheit gibt. Wie früher, als Sicherheit und Geborgenheit nur Worte waren. Gespürt hat sie diese kaum. Irrationale Gefühle und Gedanken wurden systematisch trainiert, suggeriert, modifiziert. Aber das war Normalität, ja schon fast Zuneigung. Es war Liebe. Die Schildkröte hat schon oft versucht sich zu drehen und zu wenden. Sich zu trauen. Hat riskiert, aus dem Panzer zu schauen, sich zu zeigen, mit den anderen Tieren mitzuziehen. Erfolg hatte sie dabei jedoch selten. Unsicherheiten, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit sind ihre Freunde. Von ihrem Können, von ihrer Stärke, ihrem Kampfgeist, ihrer Leidenschaft, von ihrem Inneren hält sie nicht viel.
Sich anzupassen war daher ihr einziger Ausweg, um dieses Leben zu bestreiten, auszuhalten und viel wichtiger, zu überleben. Zu viele wichtige und wegweisende Entscheidungen wurden von anderen Tieren getroffen. Das schien das einzig Richtige zu sein. Dabei hat sie Zuspruch bekommen, ein wenig Anerkennung. Geformt von den anderen Tieren, fragt sie sich nun: Bin ich wirklich eine Schildkröte? Ihre eigenen Interessen zu entwickeln, zu entfalten und zu vertreten hat sie nie richtig gelernt. Wie funktioniert das? Wie fühlt sich das an? Die Dämonen die sie Tag für Tag bekämpft, denen sie sich stellt und die sie aushält, werden sie noch lange begleiten.
Aber eines Tages wird sie sich frei fühlen. So frei, dass es im Hier und Jetzt kaum greifbar für sie ist. So frei, dass die Schildkröte auf alle Tiere schauen wird, ohne Scham. Zufrieden, glücklich und angekommen. Es ist nicht der Glaube, das Schicksal oder das Universum, sondern der tiefsitzende Wille, die Lebendigkeit, die Euphorie die sie am Leben halten. Dieses Lebensgefühl, das den Weg der Schildkröte bereits geformt hat, den sie eingeschlagen hat. Genau dieser Weg wird in pure Zufriedenheit und Freiheit münden. Ein Privileg, das sie durch und durch verdient hat.
Das Recht auf Faulheit
Was ist Arbeit? Welchen Sinn hat sie? Und warum wird der Wert eines Menschen vor allem in geleisteter Arbeitszeit gemessen? Felix* hat über all diese Fragen nachgedacht und ein Manifest gegen die Tyrannei der Arbeit verfasst:
Die Heilige Pflicht zur Knechtschaft: Ein Mythos, tief eingebrannt in die kollektive Seele: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht fressen! Und der Kapitalismus machte daraus sein Evangelium. Doch was, wenn diese heilige Pflicht zur Arbeit nur die Kette ist, mit der die „Leistungsträger:innen der Nation“ ihre Macht sichern. Ja, jene „Leistungsträger:innen“, die vom Schweiß der Anderen leben und uns gleichzeitig reindrücken, dass Faulheit die größte aller Sünden sei.
Die Religion der Arbeit und die Moral: Wie die Bibel des Protestantismus einst Arbeit zum Gottesdienst erhob, so erhebt die kapitalistische Ethik die Leistung der Tugend und die Pause zur Todsünde. Arbeit ist mehr als ein Mittel zum Überleben geworden; sie ist der Maßstab aller Dinge. „Work-Life-Balance“ klingt wie eine sanfte Revolte, ist jedoch nichts weiter als ein Abklatsch dieser alten Moral: Das Leben, so sagt man uns, sei nur Erholung von der Arbeit als gäbe es nichts Wichtigeres, als wieder zurück an die Schreibtische oder Maschinen zu kriechen.
Die Maschine des Wahnsinns: Betrachten wir die Maschinen, die einst versprachen, uns die Mühsal zu nehmen. Doch was ist passiert? Anstatt uns zu befreien, fesselten sie uns stärker an die Arbeit. Maschinen und Roboter mit KI, die Tag und Nacht arbeiten können, sollten uns längst schon ein Leben voller Spiel und Kunst ermöglichen – aber nein! Mehr Produktivität bedeutet nur eines: mehr Stunden für den „Flexi-Job“. Und das AMS – größte:r „Arbeitgeber:in“ der Nation – steht bereit, jeden freien Geist in das Räderwerk dieser Maschine zu pressen, um dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Arbeitsmarktservice.
Eine Alternative zur Tyrannei: Wie wäre es, wenn wir die Uhren zurückdrehen – oder besser noch: sie sprengen? Vor der kapitalistischen Ära arbeiten Menschen um zu leben, nicht um der Arbeit willen. Drei Stunden Arbeit am Tag reichen aus, um die Grundbedürfnisse zu decken. Der Rest der Zeit gehört dem Leben: Sozialisation, Spiel, Kunst. Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, die nicht nach Arbeit fragt, sondern nach Freude.
Der Aufstand der Faulenzer: Die kapitalistische Moral hält uns klein, indem sie Faulheit mit Scham belegt. Doch was, wenn wir die Faulheit erheben, ja sogar heiligsprechen? Die wahre Revolution beginnt, wenn wir sagen: „Ich arbeite nicht, weil ich muss, sondern weil ich will.“ Und wenn ich nicht will, sollen die Roboter übernehmen. Lasst die Maschinen Tag und Nacht schuften, lasst sie 24/7 unsere Welt in Bewegung halten, während wir in Parks sitzen, Geschichten erzählen und Bilder malen
Neue Moral: Die Arbeit, so wie wir sie kennen, gehört abgeschafft. Sie ist nicht Sinn des Lebens, sondern dessen größter Feind. Wir brauchen nicht mehr Arbeitsmoral, sondern weniger Arbeit. Der Rest, liebe Freund:innen, gehört uns. Entspannt euch.
Literaturempfehlungen für geneigte Leser·innen: Paul Lafargue – Das Recht auf Faulheit. Max Weber – Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Karl Marx – Das Kapital. Hannah Arendt – Vita Activa. Bertrand Russell – Lob des Müßiggangs. Nick Srnicek, Alex Williams – The Future: Postcapitalism, and a World Without Work. Richard Sennet – The Corrosion of Character. Guy Standing – The Precariat: The New Dangerous Class. Michael Schmidt-Salomon – Entspannt Euch! – Eine Philosophie der Gelassenheit.
*Namen geändert