Die unsichtbare Welt des Sichtbaren

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Momentan arbeitet die Redaktion des Access Guide Magazins vom Home Office aus. Im Projekt „Logbuch C“ schreiben wir gegen die Krise an und berichten einmal wöchentlich aus unserem Alltag daheim. Im achten Teil der Serie widmet sich Gaius Marius seinem inneren Dämon: „Was für ein Shit“ war eine meiner erste Reaktionen, als ich realisierte zu welchen Maßnahmen sich die Bundesregierung zu Beginn der Krise „genötigt“ sah. Ein Donnerschlag von weiteren Reaktionen meinerseits ließ nicht länger auf sich warten und reichte von Weglächeln über Beschwichtigung bis zu „Sollte ich vielleicht doch einmal genauer hinsehen?“

Die Wochen vergingen und meine Psyche ist immer noch intakt geblieben. Ich war schon vorher auf einem stabilen Weg unterwegs – als ehemaliger Pfadfinder weiß ich, wovon ich spreche – bis auf kurze Episoden von Resignation und einer Episode von Reizdarm, klappt alles scheinbar wie am Schnürchen. Doch ist das vielleicht auch eine Form von Beschwichtigung oder gar Realitätsferne? Nun, lasst es mich so formulieren: Ist nicht das ganze Leben eine Form von „Appeasement“, wie die Angloamerikaner zu sagen pflegen würden? Oder von Mitlaufen oder zumindest Mitgehen? Ich persönlich kenne beide Herangehensweisen sehr gut und daher kann ich sagen: nein, das trifft nicht auf diese Krise zu. Es scheint vielmehr so, dass die Leute die Tragweite, gar die Dramatik der Situation sehr wohl verstanden haben.

Ich befolge schon seit Wochen die verordneten Maßnahmen, auch wenn das Maskentragen für mich absolutes Neuland ist und mir die meisten Masken zu groß sind. An der Sinnhaftigkeit ist nicht zu zweifeln. Daheim halte ich es kaum drei Tage allein aus, ohne durchzudrehen. Ich bin in ständigem Kontakt mit meiner Außenwelt, also Familie, Freunde oder meinem Coach. Allerdings bin ich auch in regem Austausch mit meinem inneren „Dämon“, nennen wir ihn mal „Phobos“ – war das nicht ein Gott? Anyway – nur weil ich mich gestärkt oder gar stabil sehe, heißt es noch lange nicht, dass ich nicht einen inneren Kampf mit diesem „Wesen“ und anderen Gestalten des Unterbewusstseins führe. Schon Sigmund Freud unterscheidet „Ich“, „Über-Ich“ und „Es“ und genau das ist es, was aktueller denn je zu sein scheint. Ich halte weiterhin durch und versuche auch innerlich nicht zu kapitulieren und nach außen hin den Kontakt zu den anderen „Erdlingen“ aufrechtzuerhalten.

Nutzen wir diese Krise doch auch als die oft erwähnte Chance wieder den persönlichen Kontakt herzustellen – zumindest virtuell. Ohne jetzt auf die ganzen positiven Aspekte – wie kurzfristige Umwelt- und Klimaschonung – eingehen zu wollen, ein Appell sollte schon sein: Nehmen wir endlich die viel zitierte Verantwortung für eine nachhaltige Globalisierungspolitik wahr, um in der Klima- und Umweltkrise gegen zu steuern, aber auch eine Renaissance der gesellschaftlichen Umgangswerte, wie das respektvolle Miteinander und Füreinander. Auch für die Wirtschaft, die in den herausfordernsten Zeiten seit der großen Depression in den 1930ern, steht. Wie wäre es mit einem Neuauflammen der Überlegung einer Realisierung von alternativen Wirtschafts- und in weiterer Folge Gesellschaftskonzepte. Die Corona-Krise ist auch eine Chance zur Krönung unserer Schöpfung für einen sorgsamen Umgang mit den Ressourcen und den Erhalt von Biodiversität und Diversität innerhalb der Menschheit einzustehen.

Nun genug des Politikums! Viele Verhaltensweisen und Reaktionen, egal ob in Zeiten der Krise oder auch nur im verstaubten, immer wiederkehrenden Alltag, den man sich angesichts der derzeitigen Lage als das kleinere Übel vorstellt, nehmen wir sehr wohl war, allerdings lässt es uns auch oft kalt, weil es uns persönlich ja nicht tangiert. Denkste!! Wir alle haben, ohne Ausnahme einen unsichtbaren Kokon um uns mit Altlasten der Vergangenheit, verschwendeten Momenten der Gegenwart oder Ängsten in der Zukunft. Betrachten wir diesen allerdings nicht auch gleich als Sarg, als unüberwindbaren Gegner, sondern als Labyrinth an verschlungenen Pfaden, quasi Entscheidungen des Lebens, die entweder in eine Sackgasse oder aber auch zum Ziel führen, früher oder später.

Nur wer den Mut und die Kühnheit sowie den Willen, aber natürlich auch das Quäntchen Glück, das man im Leben braucht, mitbringt, wird alle drei Zeiten sehen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. So kann ein harmonisches Gleichgewicht gelingen. Und dann kann man immer noch in den Sarg hüpfen, aber mit Stolz und einem guten Gefühl, man hätte es wenigstens nicht unversucht gelassen.

Warum ich unter Gaius Marius publiziere? Er war ein herausragender Feldherr, der die Kimbern und Teutonen rund 100 v. Chr. vernichtend schlug und zugleich ein bedeutsamer und bedachter Staatsmann. In diesen Zeiten eine gute Kombination, da man einen „unsichtbaren” Killer zu besiegen hat, indem man Durchhalteparolen und in naher Zukunft ein Mittel einsetzen kann, aber auch einen sorgsamen Umgang mit den Freiheitsrechten und einen nachhaltigen, für die nächsten Generationen besinnten, politischen Weg erfordert. Ich hoffe, dass das auch die divergierende Europäische Union endlich versteht. Denn Österreich allein kann mit solchen Szenarien nicht fertig werden”.